Europa so - oder besser?

3. Vision eines heilen Europa in einer heilen Welt

3.1 Ideale als Zielprojektionen und Wegweiser

Der Arzt am Krankenbett muss wissen, was Gesundheit ist. Wem die Vision eines Ideals fehlt, oder wer sie als Utopie verwirft, dem mangelt der Maßstab zur Bewertung der Realität. Man kann nicht beurteilen, zu wieviel Prozent ein Ziel tatsächlich erreicht wurde, wenn man sich scheut, die hundertprozentige Zielerreichung wenigstens klar zu denken. "Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist", sagte Jesus. Gewiss glaubte er nicht, dass auch nur ein einziger seiner Hörer dieses Ideal erreichen werde, aber er lehrte, dass jeder es erreichen soll, dass also die Berufung auf irgendeine Erbschuld keine moralische Rechtfertigung für eine Senkung des Anspruchsniveaus auf laxe, "realistische" Vorsätze ist. Nicht deren Erfüllung – so erstrebenswert sie auch sein mögen – ist als das Höchste zu schätzen, sondern das noch darüber stehende Ideal. Dieses gilt es, klar ins Auge zu fassen, zu bedenken und zu lieben. Gotama Buddha betonte dazu: "Was der Mensch viel erwägt und sinnt, dahin geneigt wird sein Herz."

Zu erwägen und zu lieben ist nicht in erster Linie die Realität des noch an seinen Kinderkrankheiten leidenden, ohne therapeutischen Eingriff untergangsgefährdeten, heutigen Europa sondern ein wünschenswertes, heiles Europa in einer heilen Welt. Statt (nur) über die große Finsternis zu schimpfen, gilt es ein (wenigstens) kleines Licht anzuzünden. Wir müssen uns darüber klar werden und uns ständig darauf besinnen, welches Europa wir uns im Idealfall wünschen, damit wir Heilmittel gegen die Unvollkommenheit des heutigen Europa ersinnen können. Ihre Wirksamkeit ist aber nur heilsam, wenn die Wirkung wirklich Besserung ist, nicht bloß von einem Übel zum anderen führt oder gar die abwegige Entwicklung beschleunigt. Es hat keinen Sinn, die Geschwindigkeit zu vergrößern, wenn man das Ziel aus dem Auge verloren hat.

Wünsche sind Gedanken, und Gedanken sind frei, also nicht dem Diktat der Wirklichkeit unterworfen. Wir sind frei, uns ein künftiges Europa freier Bürger zu wünschen, von denen jeder sowohl einer althergebrachten und unbeschränkt fortdauernden nationalen Kultur, als auch gleichzeitig einer aufzubauenden, gemeinsamen europäischen Kultur angehört. Damit würde gleichrangige Kommunikation zwischen den Kulturen möglich. Wir sind frei zu wünschen, auch künftig möge es nicht nur ein Volk geben, das Shakespeare und Shaw im Urtext versteht, sondern auch je eines, das im Original Voltaire und Sartre, Schiller und Brecht, Andersen und Kierkegaard lesen kann. Wir sind frei im Ersinnen von Funktionsformen eines solchen besseren Europa wie auch von Wegen dorthin, so wie wir frei sind, in unserem Kopfe geometrische Körper zu bewegen und sogar einander durchdringen zu lassen, ohne dass ihre Gewichte uns ermüden oder ihre Härte uns hemmt. Nur die Gesetze des Möglichen, vorab die Vermeidung innerer Widersprüche, müssen wir bei der Entwicklung unserer Wunschvorstellungen beachten – keinesfalls aber kleingeistig-voreilige Bedenken über die Wahrscheinlichkeit ihrer gesellschaftlichen Durchsetzbarkeit hegen.

Nur wer sich in der Nutzung seiner Wunschfreiheit nicht durch die Dreigroschenoperweisheit beeinträchtigen lässt, "doch die Verhältnisse, die sind nicht so", nur der hat die Chance, zur Verbesserung dieser Verhältnisse durch Anzünden eines kleinen Lichtes beizutragen. Denn niemand kann etwas verbessern ohne zu wissen, was besser wäre – was also wünschenswert ist. Wer aber würde im Wissen, einen Wunsch frei zu haben, den endgültigen Sieg einer nicht nur neutralen, sondern auch leicht lernbaren, leicht anwendbaren und dabei sehr ausdrucksreichen, gemeinsamen Verständigungssprache für Europa nicht wünschen?

3.2 Gemeinsam einfach Europäisch sprechen.

Gewiss gehört es zur Freiheit des Wünschens, verschiedene Kriterien mit verschiedener Prioritätssetzung für die als Ideal erwünschte, neutrale, gemeinsame europäische Zweitsprache aufzustellen – nennen wir sie schlicht "Hocheuropäisch", oder, in der Gewissheit der Erreichbarkeit des Ziels, kurz schon "Europäisch". Je nach den aufgestellten oder bevorzugten Kriterien verdient eher diese oder eher jene neutrale Sprache zu diesem "Europäisch" erhoben zu werden, das die Einheit in der sprachlichen Vielfalt Europas stiften soll.

Neutral, weil nicht mehr Sprache einer europäischen Nation, und doch bis heute eng mit der europäischen Geschichte verbunden, ist Latein. Lateinisch ist daher der offizielle Name der viersprachigen Schweiz: Confoederatio Helvetiae (als Automobilkennzeichen zu CH gekürzt). Und nicht zwei-, vier-, elf- oder zwölfsprachig ist die Beschriftung des neuen Gebäudes des Rates der Europäischen Union in Brüssel, sondern einfach lateinisch: Consilium.

Neutral und europäisch, weil vernünftig aus Bestandteilen der verschiedenen europäischen Sprachen konstruiert, sind auch die meisten sogenannten interlinguistischen Plansprachen. Die bekannteste davon, die 1887 von L.L.Zamenhof initiierte "Internacia Lingvo (ILo) de Doktoro Esperanto", die neuerdings auch in Wissenschaftskreisen regelmäßig benutzt wird, ist in ihrer seit einem Jahrhundert empirisch erprobten und als funktionsfähig erwiesenen Form daher nicht die einzige widerspruchslos denkbare Verständigungssprache eines ideal funktionierenden Europa. Sowohl das traditionsreiche Latein als auch eine moderne interlinguistische Plansprache ist als ideales Hocheuropäisch denkbar und wünschbar.

Von denen, die ihre Wunschfreiheit nicht verkümmern ließen, bevorzugen weitaus die meisten die genannte "Internationale Sprache" (ILo) gegenüber anderen schon entwickelten oder entwickelbaren Plansprachen – und auch gegenüber Latein. Das ist zwar nur eine Tatsache, gehört also nur zur Ebene der Wirklichkeit, nicht zur Ebene des widerspruchsfrei Wünschbaren. Es bedeutet also nicht, dass ILo als neutrale Europasprache "wünschenswerter" wäre als mögliche Gegenkandidatinnen. Das statistische Faktum ihrer relativ breiten Akzeptanz und die Tatsache ihrer hinreichenden Erprobung durch die wohl größte Bürgerinitiative in der Geschichte der Menschheit rechtfertigen es aber, die Zamenhofsche Plansprache als verdeutlichendes Beispiel für die machbare Mehrsprachigkeit Europas (und der wissenschaftlichen Welt) zu wählen.

3.3 Englisch und ILo im Eignungsvergleich.

Zunächst ist zu klären, ob Europa mit einer neutralen Verständigungssprache mindestens ebenso funktionsfähig wäre wie mit Englisch. Die Frage ist dann zu bejahen, wenn diese neutrale Sprache nicht weniger ausdrucksstark, nicht schwerer zu lernen und nicht mit mehr Aufwand (auch durch Rechner) anwendbar ist als Englisch. Auf die Internacia Lingvo (ILo) als Kandidatin für die Rolle der europäischen Hochsprache treffen alle diese Bedingungen zu (auf Latein nur eingeschränkt). Dies ist in der interlinguistischen Literatur schon ausreichend nachgewiesen. Es genügt daher, hier an je einem einzigen Beispiel zu zeigen, dass ILo alle drei Bedingungen sogar besser erfüllt, als Englisch. Damit (und wegen ihrer Neutralität) ist dann nicht nur die Gleichwertigkeit sondern sogar die Überlegenheit der Zamenhofschen Sprache gegenüber dem gegenwärtig als internationale Behelfssprache missbrauchten Englisch begründet.

1. Die größere Ausdrucksstärke (welche eine höhere Präzision erleichtert ohne sie stets unausweichlich zu erzwingen) kann anhand der vier je eindeutigen ILo-Übersetzungen eines vierdeutigen englischen Satzes gezeigt werden. (Sie werden gerne als Argument für die Verwendung von ILo als Zwischensprache bei der teilautomatischen Übersetzung benutzt.) Was heißt "They saw the girl with the binoculars."? Die beiden möglichen deutschen Übersetzungen ("Sie sahen das Mädchen mit dem Fernglas." und "Sie sägen das Mädchen mit dem Fernglas,") sind wegen der Zweideutigkeit des Verhältnisworts "mit" – es bedeutet entweder "mit Hilfe" (in ILo: per) oder "zusammenseiend mit" (in ILo: kun) – je noch zweideutig. Erst die Übersetzung in ILo (oder Latein) ist unmissverständlich - sogar für den Sprachübersetzungs-Rechner. Mindestens in diesem Beispiel erweist sich also ILo (und ebenso Latein) als doppelt so genau wie Deutsch und viermal genauer als Englisch.

2. Dass Englisch schwerer zu lernen ist als die Internacia Lingvo, wird anhand eines - dem irischstämmigen englischen Schriftsteller Bernard Shaw zugeschriebenen - Belegs für die abstruse englische Orthographie deutlich: warum verlangt sie die Schreibweise fish und nicht ghoti für das, was Engländer und Deutsche in gleicher Weise als FISCH aussprechen? Der deutsche F-Laut am Schluss von enough wird doch in diesem Wort durch gh, der deutsche I-Laut im ersten Vokal von women in diesem englischen Wort durch o, und der deutsche SCH-Laut im englischen Wort nation durch ti codiert – aus F-I-SCH wird so "ghoti"!

3. Dass schließlich das Englische zum Ausdruck genau desselben gemeinten Inhalts gegenüber der Zamenhofschen Plansprache einen unsinnigen Aufwand betreibt, zeigt sich schon daran, dass ILo nicht nur in der Mehrzahl (wie im Deutschen und Englischen) sondern auch in der Einzahl den unbestimmten Artikel einfach durch das "leere Wort" (d.h. durch Verzicht auf irgend ein Wort) zum Ausdruck bringt, während Englisch überflüssigerweise in der Einzahl noch das zwar kurze aber sehr häufig auftretende a (deutsch: ein, eine) benutzt. Die Komplizierung der (nicht nur) rechnergestützten Sprachverarbeitung im Falle von Englisch zeigt sich auch bei der dritten Person Singular des Zeitworts: zusätzlich zum vorangestellten Fürwort (he, she, it) wird im Englischen auch noch die überflüssige Endung s hinten angefügt - und dies mit besonders häufig zu beachtenden Ausnahmen wie be – is, have – has, go – goes usf.!

Wer zur internationalen Verständigung eine Fremdsprache benötigt, vor der Wahl zwischen Englisch und ILo steht, beide Sprachen oder keine von beiden gelernt hat und unbefangen selbständig denkt, der wird sich demnach für die Internacia Lingvo (ILo) de Doktoro Esperanto entscheiden – und dabei durch den zusätzlichen Vorteil der Neutralität dieser Sprache bestärkt werden. Die Ungenauigkeit, Unregelmäßigkeit und Umständlichkeit des Englischen sind keine raffinierten Ausnutzungen kommunikationskybernetischer Möglichkeiten. Sie sind nur dadurch zu erklären, dass Englisch nicht zweckmäßig entwickelt wurde sondern sich historisch entwickelte. Wie jede Nationalsprache erfüllt auch Englisch die Funktion der Identitätsstiftung einer Volksgruppe, die sich als Nation gegenüber anderen abgrenzen will. Dies gelingt desto besser, je schwerer die Sprache von Fremden gelernt werden kann. Dieser Vorteil einer jeden Nationalsprache wird zum Nachteil, sobald sie als sprachgrenzübergreifender Verständigungssprach-Ersatz missbraucht werden soll.

3.4 ILo ist keine Killersprache.

Als zweites ist zu klären, ob die Erhebung von ILo (oder Latein) zum identitätsstiftenden Hocheuropäisch den kulturellen Reichtum Europas mit der gleichen mechanischen Notwendigkeit gefährden würde, wie dies im Falle der Wahl der nicht neutralen englischen Sprache vorausgesehen werden muss. Gilt die aufgezeigte Wirkungskette, die vom Missbrauch von Englisch als gemeinsamer europäischer Verständigungssprache ins europäische Kulturgrab führt, nicht ebenso zwangsläufig auch bei Übernahme dieser Rolle durch eine neutrale Sprache? Für ILo ist dies zu verneinen. Denn neben ILo können die nationalen Kultursprachen erhalten bleiben. Ihre Gefährdung durch ILo als zu offizialisierender neutraler Sprache Europas ist außerordentlich gering im Vergleich zur sprachvernichtenden Wirkung die Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch (in geringerem Ausmaß auch Deutsch und Portugiesisch) zeigten, zeigen und mittelfristig weiterhin zeigen werden. Dass die Internacia Lingvo (ILo) de Doktoro Esperanto keine solche Killersprache ist, leuchtet ein, wenn man die oben aufgezeigte Wirkungskette gliedweise durchdenkt.

Wenn nämlich ILo (oder Latein) Amtssprache der europäischen Behörden wird, dann bedarf es wegen der Neutralität dieser Plansprache keiner zweiten Arbeitssprache der europäischen Behörden mit bloßer Feigenblattfunktion, wie sie derzeit das mitprivilegierte Französisch für das privilegierte Englisch erfüllt. Die Privilegierung darf nämlich nicht unverblümt erfolgen, denn sie verschafft dem Trägervolk der wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Vorteile, die es als "Herrenvolk" aus dem Kreis der Unterprivilegierten herausheben. Dagegen steht hinter einer neutralen Sprache kein Trägervolk, das zu Lasten anderer von ihrer Erhebung zur europäischen Amtssprache profitieren würde. - Im Gegensatz zu Englisch kann ILo (kaum jedoch Latein) wegen seiner Lernleichtigkeit ohne pädagogische Nachteile bereits in der Grundschule eingeführt werden. Dort tritt beim Schüler wegen des erlebbaren Lernerfolgs eine verstärkte Lernmotivation ein – nicht nur zugunsten von ILo selbst, sondern über diesen "Sprachorientierungsunterricht" hinaus auch für das anschließende Lernen fremder Nationalsprachen. Insbesondere wird deren späteres Erlernen durch die vorherige Beschäftigung mit ILo so sehr erleichtert, dass während derselben gesamten Sprachlernzeit erwiesenermaßen z.B. in Englisch eine höhere Kompetenz erreicht werden kann, als wenn die Zeit, die für den vorbereitenden Sprachorientierungsunterricht verwendet wurde, dem Englischunterricht zugeschlagen würde. Auch das Lernen anderer Schulfremdsprachen wird durch den Sprachorientierungsunterricht erleichtert. Daher ermöglicht eine solche fremdsprachpädagogische Konzeption eine Kommunikationsfähigkeit außer in ILo selbst nicht nur in der Nationalsprache Englisch sondern auch in mindestens einer weiteren Fremdsprache mit dem bisherigen, schulüblichen Zeitaufwand.

Beginnt also der Schulfremdsprachunterricht schon in der Grundschule, aber dort nicht verfrüht mit Englisch (was manche ahnungslosen Kulturpolitiker unter dem Einfluss interessierter Sprachlobbyisten anstreben) sondern zunächst als Sprachorientierungsunterricht mit ILo, dann haben die späteren Entscheider nicht die oben genannten Gründe, den Sprachunterricht auf die Vermittlung ausschließlich der europäischen Verständigungssprache zu reduzieren. Denn zusätzlich sind – außer in ILo selbst – mindestens passive Kenntnisse mindestens der Englischen Sprache nützlich und erreichbar – aber auch Kenntnisse mindestens einer weiteren Fremdsprache. In der heute schulüblichen Zeit wird es also möglich sein, nicht nur frühzeitig in ILo kommunizieren sondern auch mindestens zwei fremde Nationalsprachen ausreichend wenigstens verstehen zu lernen. Dies ist durch das Zusammenwirken von drei Gründen möglich. Erstens ist ILo wegen seiner Lernleichtigkeit von Schülern in vergleichsweise sehr kurzer Zeit lernbar. Zweitens verringert die bewirkte Lernerleichterung fremder Nationalsprachen die Zeit, die für deren Verstehenlernen nötig ist. Drittens entfällt im Falle der Wahl von ILo zur gemeinsamen Verständigungssprache die zeitraubende Notwendigkeit, Englisch auch aktiv beherrschen zu lernen. Die freie Auswahl von zwei zu lernenden Nationalsprachen kann Schülern und Eltern überlasssen werden. Denn der Notwendigkeit, eine gemeinsame Verständigungssprache auch sprechen zu lernen, wurde (bei geringem anschließenden Aufwand zur Perfektionierung der dort erworbenen Europäischkenntnisse) schon durch den Sprachorientierungsunterricht genügt. Wegen der weltweiten Wichtigkeit wird auch langfristig Englisch (genauer: Angloamerikanisch) als eine der beiden Wahlpflichtfremdsprachen von der großen Mehrheit gewählt werden. Aber erstens geschieht dies dann freiwillig, zweitens nur teilweise als erste Fremdsprache und drittens nur mit dem (erreichbaren!) Ziel nur passiver Beherrschung, also der Ermöglichung des Lese- und Hörverständnisses.

Nichts spricht unter diesen Umständen dagegen, sprachausländische Gastdozenten universitäre Lehrveranstaltungen internationalsprachig (d.h. in ILo) durchführen zu lassen, was beispielgebend an der rumänischen Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt-Sibiu schon seit ihrer Gründung (1991) geschieht. Wegen der gegenüber Englisch größeren Ausdruckskraft der Internationalen Sprache ist dies sogar weniger problematisch. Sinnvoll ist die Zuziehung sprachausländischer Gastdozenten zwar noch nicht im Grundstudium, das längst bewährtes Basiswissen zu vermitteln hat, wohl aber im Hauptstudium, bei welchem ein erhöhter Bedarf an Spezialisierungsangeboten nicht immer voll mit der landeseigenen Lehrkapazität befriedigt werden kann. Im Interesse der Freizügigkeit der Studierenden ist es zweckmäßig, Veranstaltungen für Postgraduierte (Doktoratsstudiengänge) ausschließlich internationalsprachig anzubieten. Dagegen ist ein Grundstudium im Sprachausland nicht wegen der gebotenen Inhalte sinnvoll, sondern allenfalls zur besseren Aneignung der dortigen Landessprache, die also zu bevorzugen bleibt.

Dass Habilitationsschriften und Doktorarbeiten – vielleicht auch schon Magisterarbeiten und Bakkalaureatenschriften – hocheuropäisch (in ILo) abgefasst werden, ist im Hinblick auf die Beachtung auch im Sprachausland (zunächst zumindest europaweit) zu wünschen. Zweckmäßig ist für solche wissenschaftlichen Originalarbeiten die zweisprachige, d.h. nebeneinander international- und landessprachliche Textabfassung, wie sie von der Internationalen Akademie der Wissenschaften (AIS) San Marino bereits eingeführt wurde. Dieses Paralleltexten, das heute am Rechnerbildschirm technisch problemlos ist, sichert die beiderseitige Weiterentwicklung der Fachsprache. Zudem sichert das Paralleltexten auch eine deutlichere (nicht einseitige) Betrachtung des Gedachten, gleichsam (nach dem Vorbild des Architekten) durch Darstellung des Gedankengebäudes sowohl in seinem Grundriss als auch in seinem Aufriss. Vor allem aber befreit das zweisprachige Paralleltexten den Gedankengang von muttersprachlich eingefahrenen Worthülsen. Diese drei fortschrittsfördernden Wirkungen gehen von einer gleichgut wie die nationale Denksprache beherrschbaren, flexiblen Plansprache mit ihren verhältnismäßig wenig schon üblich gewordenen stilistischen Formulierungszwängen stärker aus, als es bei Verwendung z.B. von Englisch als Parallelsprache der Fall wäre. Da im übrigen die Internacia Lingvo (ILo) de Doktoro Esperanto beim Lernen und Anwenden weit weniger Schwierigkeiten bereitet als Englisch, kostet der doppelte Formulierungsaufwand weit weniger als die doppelte Zeit. Er ist also zumutbar und bedarf auch nicht der schon schulischen Vorbereitung durch Verwendung von ILo als Unterrichtssprache nichtsprachlicher Fächer.

Damit bleibt allerdings die heutige schulische Benachteiligung von Sprachausländerkindern voll bestehen. Nicht in allen Fällen wird sie dadurch gemildert, dass diese Kinder im Heimatland als Schulfremdsprache schon die Sprache des späteren Gastlandes lernen können, die wegen dieser Nutzungsaussicht plötzlich attraktiver erscheint als Englisch, sobald Englisch nicht mehr als zwar inoffizielle aber praktisch unumgängliche europäische Verständigungssprache zu lernen ist. In manchen Fällen ist eine langfristige Migrationsvorausplanung der Eltern nicht möglich, da deren berufliche Mobilität erzwungen ist, z.B. im diplomatischen Dienst oder auch bei akademischen Laufbahnen. Solche ambulanten Gewerbe werden meist in Großstädten ausgeübt, wo für diese Sprachausländerkinder wegen ihrer ausreichenden Zahl die Einrichtung transkultureller Klassen mit ILo als Unterrichtssprache unproblematisch ist. Ein Druck, die Landessprache aus den übrigen Schulen und Klassen zugunsten von ILo zu verdrängen, entsteht aus juristischen Gründen nicht. Denn der erste Schritt dazu, nämlich die (wenn auch zunächst erst teilweise) Einführung von ILo als hocheuropäische Amtssprache in allen (auch den nicht transkulturellen) Klassen, muss – anders als im Falle von Englisch – nicht zur Vorbereitung auf das Universitätsstudium getan werden. Das Grundstudium (bis zum Bakkalaureatsgrad) kann und soll dort ja weiterhin nationalsprachig erfolgen. Zur Ermöglichung eines sprachlich ausreichenden Verständnisses höherer Kurse (der Magisterstufe oder des Promotionsstudiums) reicht wegen der Lernleichtigkeit von ILo die für dieses Hocheuropäisch vorgesehene Sprachunterrichtszeit allein aus – es bedarf keiner Unterstützung durch einen fremdsprachlich erteilten, also muttersprachschädigenden Fachunterricht an den Schulen.

In den transkulturellen Klassen wird die Landessprache selbstverständlich als Lehrstoff von offensichtlich großer außerschulischer Nützlichkeit gelehrt werden. Die Landessprache kann daher Behördensprache bleiben. Das schließt nicht aus, dass zu Texten, die auch Sprachausländer angehen, zwecks Gewährleistung der Freizügigkeit hier und da eine Beifügung der ILo-Übersetzung vorgeschrieben sein kann.

Dafür gibt es aber höchstens in Teilbereichen der Behördenkommunikation juristisch zwingende Gründe, solange Sprachausländer nicht auch volle ortsgebundene Rechte erhalten, insbesondere regionale Wahl- und Mitbestimmungsrechte. Da jedoch die Landessprache wesentliches Regionalkennzeichen ist, könnten solche Rechte ohne Verzicht auf dieses Wesensmerkmal der Region ohnehin erst sinnvoll wahrgenommen werden, sobald der jeweilige Sprachausländer die Landessprache hinreichend beherrscht. Vorher darf er in keinem Falle in dieser Region das Wahlrecht (auch nicht bei Kommunalwahlen) erhalten – und schon garnicht einen zweiten Pass. Gesetze und Verfügungen, die für Sprachausländer erst relevant werden, sobald sie ihr Recht zu einem auch langfristigen oder dauernden Aufenthalt wahrnehmen, bedürfen keiner internationalsprachigen Übersetzung. Denn es ist möglich – und Angehörigen jeder Rasse und Nationalität zumutbar -, für den Verbleib in dieser Umwelt, die ja insbesondere auch regionalsprachlich gekennzeichnet ist (das gilt für die deutsche ebenso wie für die spanische oder schwedische), durch Erlernen der Landessprache die funktionelle Voraussetzung zu schaffen. Andernfalls schützt eben, wie üblich, Unwissenheit nicht vor Strafe.-

Aus allen diesen Gründen bleibt bei Verwendung der Internacia Lingvo als der gemeinsamen, neutralen Verständigungssprache Europas, also als Hocheuropäisch, die sprachliche Gleichberechtigung und Autonomie der Teilnationen erhalten. Daher bleibt auch die Dominanz der Landessprache in den Masssenmedien, in Theater und Kino sowie in den Büchereien sinnvoll und ungefährdet. Ein Absinken zum kaum normierten und geschriebenen Dialekt erfolgt nicht, vielmehr herrscht überall in Europa schon ab der Grundschule hinsichtlich Sprachverständnis und auch Sprechfähigkeit mindestens Zweieinhalbsprachigkeit: in der sich normfrei entfaltenden Mundart der Umwelt, in der genormten, örtlich verbindlichen, nationalen Hochsprache (Landessprache) und im transnationalen, neutralen Hocheuropäisch. Dessen europaweite Anwendbarkeit begründet das positive europäische Wir-Gefühl, so dass es die unverzichtbare, jedem Europabürger alltäglich gegenwärtige Einheit in der europäischen Vielfalt darstellt. Natürlich müssen nur die Landessprache und das Hocheuropäisch auch zu schreiben gelernt werden; die Dialekte sind insofern (und wegen ihrer fließenden Awendungsgrenzen) als Halbsprachen zu betrachten. Aber als mindestens zweisprachig in Wort und Schrift darf jeder künftige Europabürger schon nach dem Grundschulabschluss gelten, und zwar herrscht dann überall in der Europäischen Union "demokratische Zweisprachigkeit": es gibt kein "Herrenvolk", das einsprachig bleiben dürfte, weil alle anderen seine Sprache lernen müssten.

3.5 Schulische Begründung und Vertiefung des europäischen Wir-Gefühls.

Ein erstes, elementares Kennenlernen der Sprachen und Kulturen auch der europäischen Schwesternationen muss anschließend, an den weiterführenden Schulen, das an der Grundschule begründete europäische Wir-Gefühl durch Förderung einer Zuneigung zum europäischen Sprach- und Kulturreichtum vertiefen und damit die Europäische Union in den Herzen aller ihrer Bürger verankern. Darin besteht der tiefere Sinn des zunächst (und vor allem) auf Europa bezogenen Geographie-, Geschichts- und Fremdsprachunterricht, der durch einen integrierenden Eurologieunterricht zu ergänzen ist. Im Fremdsprachunterricht werden dem Schüler mit dem Ziel der Vermittlung mindestens der Lesefähigkeit mehrere europäische Nationalsprachen zur Wahl gestellt. Davon hat der Hauptschüler wenigstens eine, der Realschüler wenigstens zwei und der Gymnasiast mindestens drei zu wählen.

Das heutige Fremdsprachenangebot der Schulen bleibt also nicht nur erhalten sondern muss sogar erweitert werden. Überwunden werden dabei aber die heutige Horizontverengung auf den anglo-amerikanischen Sprachraum und die allmähliche Zerstörung auch der deutschen Sprache. Für sie als europäische Zentralsprache enthält die hier als Vision vorgestellte europäische Bildungspolitik die Chance einer wieder größeren Verbreitung als Wahlfach in den Schulen des europäischen Sprachauslands.

3.6 Anspruchsvolle, aber erfüllbare Einbürgerungskriterien.

Zwar ist es vernünftig, in Deutschland geborene und aufwachsende Kinder von europäischen Sprachausländern, sofern sie deutschsprachige Schulen besuchen, befristet neben ihrer angestammten Staatsangehörigkeit als zweite auch die deutsche Staatsangehörigkeit zu geben, wie es die Liberalen forderten und voraussichtlich durchsetzen. Es wäre aber ungerechtfertigt, wenn hernach diesen Mitbürgern als Erwachsenen aus ihrer doppelten Staatsangehörigkeit auch doppelte Rechte (zum Beispiel bei Wahlen) und doppelte Pflichten (zum Beispiel bei Wehrpflicht oder Steuerpflicht) erwüchsen. In diesem Sinne darf es also in Deutschland keinen Anspruch auf einen lebenslänglichen Doppelpass geben.

Anzustreben ist dagegen – neben und unabhängig von der national zu regelnden Staatsangehörigkeit und des regionalen Daueraufenthaltsrechts - die Schaffung einer europäischen Staatsbürgerschaft, wie sie ebenfalls von den Liberalen gefordert wird. Diesen "Doppelpass", an den das Wahlrecht zum Europaparlament zu binden ist, sollen nicht nur automatisch alle Bürger eines Mitgliedslands der EU erhalten, sondern ohne große Hürden auch Mitbürger aus einem beitrittswilligen Land, die schon jahrelang hier leben und neben dem gemeinsamen Hocheuropäisch auch die Sprache eines schon zur EU gehörigen Landes sprechen. Zur Vermeidung sprachlicher Unterwanderung kann es notwendig werden, auf dieses Land bzw. auf die Sprachregion dieses Landes das eventuell zusätzliche nationale und kommunale Wahlrecht zu beschränken.

Da sich die Länder des dicht bevölkerten Europa nicht als Einwanderungsländer eignen, müssen die Hürden gegenüber Bürgern aus außereuoropäischen Ländern, auch wenn sie hier Asylrecht genießen, erheblich höher gesetzt werden. Sie dürfen aber nicht unüberwindbar sein, schon garnicht gegenüber Mitbürgern, die hier geboren sind, die Landessprache sowie das Hocheuropäisch beherrschen und uneingeschränkt am hiesigen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen und können, in diesem Sinne also Wahleuropäer sind. Ein Rechtsanspruch darf sich daraus weder auf die europäische Staatsbürgerschaft, noch auf die Staatsangehörigkeit und das Wahlrecht im jeweiligen EU-Mitgliedsstaat, noch auf das regionale Dauerwohnrecht, noch auf das Wahlrecht bei den Kommunalwahlen ergeben. Alle diese Formen der Einbürgerung müssen vielmehr im Einzelfall von beiden Seiten ernsthaft gewünscht werden und eine rechtfertigbare Ehrung darstellen. Nur so kann im Bedarfsfall kulturzerstörenden Unterwanderungen begegnet werden. Andererseits würde es nicht zur unverwechselbar europäischen Buntheit der Kulturen und Sprachen passen, wenn Europa eine kulturelle Erstarrung anstreben und sich daher gegen Wahleuropäer abschotten würde, wenn diese nicht nur am europäischen Kulturleben teilnehmen, sondern außerdem ebenso ihre außereuropäische Sprache und Kultur weiterpflegen und als zusätzlichen Beitrag zum europäischen Reichtum an Sprachen und Kulturen einbringen wollen. Wer wollte ernsthaft auf chinesische Gaststätten in Deutschland verzichten? Wer freut sich nicht darüber, wenn dort auch chinesische Musik zu hören ist, und wenn chinesische Ideogramme die Speisekarte zieren? Zumindest stört es niemand, dass auch solche Kultur in solchen Häusern bei uns gepflegt wird. Nur darf sie nicht (wie derzeit in ganz Europa die US-amerikanische und vormals in der DDR die russische Kultur) auch dem daran Uninteressierten aufgedrängt werden.

Die Mitberücksichtigung der Sprachbeherrschung als erstes aber nicht einziges Einbürgerungskriterium und die voneinander unabhängig erfolgende Erlangbarkeit von Europabürgerschaft, Staatsangehörigkeit, regionalem Dauerwohnrecht und Kommunalwahlrecht versachlichen die Auseinandersetzung über die Rechte, die ausländischen Mitbürgern eingeräumt werden sollen, ohne damit zur unbegrenzten Einwanderung einzuladen. Welchen Sinn hätte es für einen Ausländer, ausgerechnet im deutschen Bundestag mitdiskutieren und gleichberechtigt im deutschen Fernsehen zu Wort kommen oder in der deutschen Presse publizieren zu dürfen, wenn dort nicht deutsch geschrieben, gesprochen oder beraten würde? Es würde sich dann ja gerade nicht um die deutsche Presse, das deutsche Fernsehen und das deutsche Parlament handeln. Der Sprachausländer könnte das von ihm hier eigentlich Gesuchte garnicht genießen, ohne des Deutschen mächtig zu sein, oder aber er würde es nicht (mehr) vorfinden.

3.7 Nationale Grenzen respektieren.

Die Enthüllung des Kommunikationsproblems als Nerv des europäischen Einigungswerks eröffnet eine klare Perspektive für die Vision eines Europa, das auch in allen anderen politischen Sparten heil ist. Ein solches Europa muss daran interessiert sein, dass es von einer heilen Welt umgeben ist. Es wird daher zu deren Stabilisierung beizutragen suchen, statt wegzusehen und sich abzuschließen. Missbrauch militärischer und wirtschaftlicher Macht sind heute als vordergründiges und hintergründiges Unheil wahrzunehmen. Eine gemeinsame europäische Politik nach außen kann hier heilsame Wirkung haben, wenn auf die erfolgreiche Überwindung solchen Unheils im Inneren der Europäischen Union als Vorbild verwiesen werden kann.

Dazu bedarf es allerdings der Umwertung mancher Werte, die uns noch immer von nicht wenigen Berufspolitikern und Medien eingehämmert werden. Die "Unverletzbarkeit" geschichtlich entstandener Grenzen und die "Nichteinmischung" in die inneren Angelegenheiten "souveräner" Staaten gehört zu diesen Werten, denen die Vereinten Nationen und die Verträge von Helsinki einen hohen Stellenwert geben. Sie waren zur Zeit ihres Entstehens, als die Welt zwischen den beiden hochgerüsteten Weltmächten USA und Sowjetunion polarisiert war, ein Fortschritt und nicht ohne gute Wirkungen. Inzwischen werden die damals getroffenen Vereinbarungen je nach augenblicklichem Gutdünken entweder gebrochen, oder sie dienen als willkommene Ausrede, das Sinnvolle nicht zu tun. Das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" ist eine gut klingende Forderung, ebenso wie die Wahrung der "staatlichen Souveränität und territorialen Unversehrtheit". Bedenklich nach Nationalismus klingt für manchen dagegen das Wort "Nation". Der belgische "Sprachenstreit" samt seiner sorgfältig ausgeklügelten Beilegung wird von nicht wenigen als rückständig belächelt, obgleich Spanien auf dem wirklich besten Weg ist, die lange sprachliche Unterdrückung der Basken, Katalanen und Galizier nach belgischem Vorbild zu beenden.

Aus dieser widersprüchlichen Wertung folgt dann das Unverständnis für die Unmenschlichkeit, die sich in Bosnien manifestierte und im Kosovo manifestiert – fast unmittelbar vor den Toren der heutigen Europäischen Union und mittem im Erwartungsbereich ihrer Osterweiterung. Kurz vor dem Jahrtausendende rächt sich, dass nicht rechtzeitig und überall im gemeinsamen europäischen Haus die Hausaufgaben erledigt wurden (und schon gar nicht im Ostflügel des nordeurasischen Doppelhauses). Man meint sogar, sie seien ein verstaubter Bestandteil des Nachlasses von Dichtern und Denkern und sonstigen Träumern wie namentlich Johann Gottfried Herder, auf den sich die UNO-Charta ebensowenig stützt wie die Schlussakte von Helsinki.

Der Gedanke, für den nicht zuletzt Herder warb, ist ebenso einfach wie natürlich und vernünftig. Verschiedene Völker artikulieren sich in verschiedenen Sprachen. Die Sprache ist das Hauptkennzeichen einer Nation, und die Staatsgrenzen sollen möglicht gut mit den Siedlungsgrenzen zwischen den Nationen zusammenfallen, also mit den Sprachgrenzen.

Mit welchen Grenzen denn sonst? Die heute häufigste Antwort ist vernunftwidrig, aber historisch zutreffend. Die meisten Grenzen in Europa sind entweder die Erfolgsgrenzen einstiger Raubkriege, oder die Grenzen dessen, was durch die Heiratspolitik des glücklicheren Österreich zusammengerafft wurde. Durch beides wurden Völker gegen ihren Willen auseinandergerissen, andere Völker gegen ihren Willen zusammengezwängt – und in beiden Fällen von einem "Herrenvolk" unterdrückt. Wer es mit dem offiziell gepriesenen Selbstbestimmungsrecht der Völker ernst meint und die schließliche Korrektur des historischen Schwachsinns befürwortet, wird ebenso offiziell als Nationalist, Separatist oder Revisionist geschmäht, oder zumindest als Ewig-Gestriger belächelt – wenn er nicht einfach totgeschwiegen wird. Von Politikern und Masenmedien wird er erst ernstgenommen, sobald er zum letzten Mittel der Vernunft greift – oder vorsichtiger lateinisch ausgedrückt: zur Ultima ratio – nämlich zum Terror. Dann bekommt er - je nach Erfolg - den Friedensnobelpreis oder eine Verurteilung als Staatsverräter. Auf dem heutigen Territorium der EU bedurfte es noch im zwanzigsten Jahrhundert, sogar noch Jahrzehnte nach Schluss des zweiten Weltkriegs, nicht weniger Terroranschläge, bis Italien aufhörte, in Südtirol durch sprachgrenzmissachtende politische Gliederung die Deutschsprachigen mit demokratischen Mechanismen zu unterdrücken, bis Frankreich aufhörte, die Auslöschungsbemühungen der zum Dialekt erklärten, und damit als Schulsprache nicht zugelassene keltischen Sprache der Bretagne einzustellen – und bis England aufhörte, in Wales und auf der irischen Insel seinen jahrhundertelangen Kampf gegen die dortigen keltischen Sprachen fortzusetzen.

Zwar ist es bedauerlich, dass Politiker vernünftigen Argumenten (die sie abweisend "utopisch" nennen) unzugänglich zu sein pflegen und einen "Handlungsbedarf" erst sehen, wenn sehr deutlich in der Sprache des Terrors oder vielleicht noch (wo sie zugelassen ist) in der Sprache des Stimmzettels argumentiert wird. Aber wir können jedenfalls feststellen, dass im EU-Teil des europäischen Hauses die Hausaufgaben hinsichtlich historisch begründeter Sprachgrenzmissachtungen großenteils erledigt sind. Im reformeuropäischen Teil besteht dagegen noch dringender Handlungsbedarf, bevor ein problemloses Zusammenwachsen erwartet werden kann – ganz abgesehen von der Hoffnung auf mehr als nur eine friedliche Koexistenz zwischen dem von der EU und ihren Erwartungsländern bewohnten Westflügel und dem von den GUS-Staaten gebildeten Ostflügels des nordeurasischen Doppelhauses.

"Was zusammengehört, wird zusammenwachsen", lautete vor einem Jahrzehnt Willy Brandts richtig Prophezeiung zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die ergänzende Prognose kann nur lauten: Was nicht zusammenpasst, wird auseinanderfallen. Beides macht die Grenzenkonservierungsbeteuerungen von Helsinki zur Makulatur. Inzwischen erfolgt die abschließende Korrektur der habsburgischen Heiratspolitik auf dem Gesamtterritorium des damaligen Vielvölkerstaats – aber nicht überall auf gleich erfreulichem Wege.

Fast vorbildlich trennten sich 1993 zwei Völker verschiedener, aber wechselseitig verständlicher Sprache: Tschechen und Slowaken. Sie konnten nicht beisammen bleiben, weil das erste doppelt so groß ist wie das zweite, so dass trotz Föderalisierung die demokratischen Mechanismen eine Majorisierung des kleineren Partners nicht ausschließen konnten. Weil das Auseinanderfallen der vormaligen Tschechoslowakei in zwei ungleich große Republiken gleichermaßen zivilisierter Völker blutlos gelang, wurde es von außen belächelt.

Ähnlich belächelt wird von sprachpolitisch Kurzsichtigen noch immer die friedliche Beendigung des belgischen Sprachstreits zwischen den ebenfalls gleichermaßen zivilisierten, aber auch gleich großen Völkern der Flamen und Wallonen durch eine sauber gezogene Sprachgrenze. Diese respektierte man sogar durch Umsiedlung der französischsprachigen Universität Louvain, die wenige Kilometer entfernt als Louvain-la-Neuve neu aufgebaut wurde, so dass in den von ihr verlassenen Räumen die niederländischsprachige Universität Leuwen erblühen konnte. Als somit die Vernunft im belgischen Königreich siegte, siegte sie konsequent. Die am Sprachstreit unbeteiligte deutsche Sprachgemeinschaft um Eupen und Malmedy wäre mit ihren nicht viel mehr als sechzigtausend Einwohnern viel zu schwach gewesen, um erfolgreich gleiche Rechte zu erkämpfen. Aufgrund der Einigung ihrer beiden großen belgischen Brüder auf weitgehende Trennung wurde folgerichtig den Belgiendeutschen ebenfalls Autonomie innerhalb sicherer Sprachgrenzen zugebilligt.

Damit ist Belgien eine Föderation dreier, bis auf die streng paritätisch zweisprachige Hauptstadt Brüssel säuberlich getrennter und gleichberechtigter Sprachbereiche eines gemeinsamen Staats mit teilweise getrennten Ministerien unter einem gemeinsamen König mit dreifachem Namen. Die Tschechen und Slowaken leben ohne gemeinsamen König aber ebenso friedlich in zwei Republiken nebeneinander. Wir übrigen Europäer sollten beide (Auf)Lösungen nicht belächeln, sondern den Völkern des jahrzehntelang als Jugoslawien weitergeführten Bruchstücks der einstigen Donaumonarchie als alternative Vorbilder vorhalten.

Stattdessen bedauerten Kurzsichtige die rasche und richtige Entscheidung des liberalen Außenministers Hans-Dietrich Genscher, die Selbständigkeit des Teilstaats Kroatien anzuerkennen. Spätere Politiker mit anderen Couleurs waren weniger weitsichtig. Auch das stärker gewordene jugoslawische Wetterleuchten erleuchtete sie nicht. Sie tappten weiter im sprachpolitischen Dunkel, in dem der Geist von Helsinki umgeht. Als dann dem Kosovo mit seinen 90% Albanischsprechenden die unter Tito noch gewährte Teilautonomie von der serbischen Übermacht im Restjugoslawien genommen wurden war, und die Bevölkerung unter schwierigsten Bedingungen ihre Unabhängigkeit durch Abstimmung beschloss und eine eigene Regierung demokratisch wählte, wagte der Westen nicht, auch sie anzuerkennen, um notfalls ohne Grenzmissachtung einem zu erwartenden Hilferuf nachkommen zu können. Statt an Herder dachte man an Helsinki – bis es zu spät war und man vertragsbrüchig werden musste. Aber selbst im Anblick dieser unmenschlichen Tragödie zögern führende Politiker, denen Verantwortungsbewusstsein bestimmt nicht abzusprechen ist, ihrem Irrglauben an den unheiligen Kompromissgeist von Helsinki abzuschwören. Das weiterhin heruntergebetete Gelöbnis von der Unverletzbarkeit aller irrational entstandener Staatsgrenzen in Europa verbunden mit der durch nichts begründeten Heilserwartung beschränkter regionaler Autonomiegewährung entspricht der Vorstellung vom Respektieren des Zusammenlebensraums der Katze mit der in ihrer Unversehrtheit schon gebrochenen Maus, der die Katze freiwillig Autonomie im Sinne des Aufschubs der endgültigen Vernichtung gewährt.

Bild 4: Karte "Europiens": jetziger EU-Raum dunkelblau, beitrittswillige Erwartungsländer in dunkel grün eingetragen. Ein künftiger Beitritt von IS, N, SLO, HR, BOH, AL und MK könnte relativ unproblematisch sein; ein späterer Beitritt der CH und von YU-Territorien (Kosovo, Montenegro, Serbien) ist nicht ausgeschlosen. Die Kleinstaaten Vatikan, San Marino, Andorra, Monaco und Liechtenstein werden voraussichtlich weiterhin (z.T. im Interesse nicht auf Europa beschränkter Funktionen) nur durch gemeinsame Währung mit der EU verbunden sein.

Hinsichtlich der Unabhängigkeitssehnsucht der Kurden ist es noch nicht zu spät, aus Jugoslawien zu lernen. Lernfähigkeit könnte dabei von den verantwortlichen Politikern des Irak, der Türkei aber auch der EU-Staaten erhofft werden (auch wenn manche der letzteren dabei vor sprachpolitischen Unzulänglichkeiten im eigenen Land die Augen nicht länger zudrücken dürfen). Auch in der Kurdenregion wird zusammenwachsen, was zusammengehört. Dann aber gibt es keinen vernünftigen Grund mehr, die beantragte Aufnahme der Türkei in die Europäische Union so rasch wie technisch möglich zu vollziehen, jedenfalls nicht später als die Aufnahme der großenteils orthodoxen Rumänen und Bulgaren. Nur so wird der Verdacht entkräftet, die EU wolle ein "christlicher Club" sein und daher die moderne, laizistische Türkei wegen ihrer überwiegend islamischen Bevölkerung ausschließen. Nur durch Gleichbehandlung der Türkei mit den anderen Erwartungsländern wird die 1923 unter Kemal Atatürk vollzogene europäische Wende seines Landes honoriert und gesichert.

3.8 Europa in der interkontinentalen Staatengemeinschaft.

Meint man es ernst mit der auch offiziell gepriesenen Multikulturalität Europas, und sieht man durch diese Brille in eine erwünschte Zukunft, dann ergibt sich eine erweiterte Vision eines heilen Europa in einer heilen Welt.

Zu anderen Erdteilen verfügt Europa über vier breite Sprachbrücken: über Portugiesisch und Spanisch als Brücke nach Brasilien bzw. dem restlichen Lateinamerika, über Französisch als Brücke vor allem zu einem Teil Afrikas, und nicht zuletzt über Englisch zur Mehrheit der anderen afrikanischen Staaten, zum australischen Kontinent und vor allem zu Nordamerika. Über diese Brücken kann und soll viel Information fließen und die interkontinentale Zusammenarbeit in Wirtschaft und Technik erleichtern. Sorgfältig zu bedenken sind Vorteile und Gefahren dieser Sprachbrücken für die Vielfalt und Eigenständigkeit der europäischen Kultur. Drei der vier genannten Sprachen werden längst weit mehr auf der außereuropäischen Seite der jeweiligen Sprachbrücke gesprochen. Dort leben rund 86% der Englischsprechenden, 90% der Spanischsprechenden und 94% der Portugiesischsprechenden – sowie ein knappes Drittel jener, deren Denksprache Französisch ist. Wie Griechisch, Italienisch, Deutsch und Französisch stammen auch Englisch, Spanisch und Portugiesisch aus Europa. Sie sind eurogen, aber sozusagen ausgewandert, nicht mehr in Europa zentriert und daher nicht mehr typisch für Europa: Englisch gehört nur noch zu einem Siebtel, Spanisch zu einem Zehntel, Portugiesisch zu einem Siebzehntel zu den europäischen Sprachen – der Zugehörigkeitsgrad von Französisch ist fast 3/4.

Im Falle von Englisch wird diese Enteuropäisierung verstärkt durch die überragende technische, wirtschaftliche und auch wissenschaftlich-kulturelle Bedeutung Nordamerikas, insbesondere der Vereinigten Staaten. Gerade deshalb ist Englisch als europäische Verständigungssprache zwar heute am meisten gebraucht, aber grundsätzlich am wenigsten geeignet. Sie taugt am wenigsten als Keim zum Entstehen eines positiven europäischen Wir-Gefühls. Eine europäische Identität erfordert sowohl, dass sie alles Zugehörige einschließt, als auch, dass sie gegen Nichtzugehöriges abgrenzt. Eine gemeinsame Verständigungssprache Europas muss also eurotypisch sein – Englisch würde in dieser Rolle eine Eigenständigkeit Europas gegenüber Nordamerika verhindern. Seine andauernde Weiterverwendung als Ersatz für eine eigene Verständigungssprache Europas würde hier den USA eine langfristige kulturelle, wirtschaftliche und politische Vorherrschaft sichern und Europa tatsächlich zum Wurmfortsatz Nordamerikas machen. Das ist eine von manchen zwar gewünschte, aber ebensowenig wünschenswerte Vision der zu vervollständigenden EU wie ein Anschluss an das Nordosteurasien der GUS mit der Zentral- und Mehrheitssprache Russisch. Mit beiden Weltteilen sind enge Beziehungen historisch gewachsen und wert, weiter ausgebaut zu werden. Gegenüber beiden diesen Partnern muss aber die Europäische Union ihre Eigenständigkeit und Gleichrangigkeit erlangen und behaupten. Sie muss stärker werden zwischen diesen Großen Brüdern.

Vertreter aus der GUS sitzen in Straßburg im Europarat, der seither besser "Nordeurasienrat" heißen müsste. Aber nicht nur aus dem Blickwinkel von Helsinki ist als erweiterte Vision ein "Rat des Nordens" denkbar. (Im 1951 gegründeten "Nordischen Rat" beraten nur Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden.) Warum sollten in einer nicht utopisch fernen Zukunft nicht auch Vertreter aus der parallel zur EU entstehenden nordamerikanische Freihandelszone in Straßburg einziehen, also aus Kanada, den USA und Mexiko? Ein solcher "Rat des Nordens" statt des heute fragwürdig werdenden Europarats wäre homogener zusammengesetzt und hätte daher größere Koordinationskompetenz als die 1945 gegründete Organisation der Vereinten Nationen (UNO). Da zu deren Sitzungen die Staaten (leider nicht alle Nationen) der ganzen Welt ihre Delegierten nach New York schicken, wäre ohne Eurozentrismus den Vertretern der Staaten der nördlichen Welt die Reise nach Strasbourg zuzumuten.

Aus guten Gründen fordern die Liberalen, die Zerstreuung der Arbeit des Europaparlaments auf drei Städte – Straßburg, Luxemburg und Brüssel – aufzugeben und sich auf einen festen Sitz zu konzentrieren. Die "mittlere" Lösung liegt nahe: das Europaparlament als Legislative der EU sollte zum Sitz seines Sekretariats und zum Sitz der EU-Jurisdiktion, also nach Luxemburg umsiedeln. Dieses kleinste Land der bisherigen EU sollte auch Sitz der künftig vom Parlament zu wählenden und abzuwählenden Föderationsregierung werden. (Die Hauptstädte der Vereinigten Staaten von Nordamerika und der Vereinigten Staaten von Brasilien liegen ebenfalls in keinem der großen Staaten dieser Föderationen, sondern je in einem gesonderten, kleinen Föderationsdistrikt.) Das zweisprachige Brüssel beherbergte schon bisher die Hohe Kommission und den Europäischen Rat. Beide werden nicht von den heute 370 Millionen Europabürgern sondern von den Führungsorganen der bisher 15, bald wenigstens 28 Mitgliedsstaaten der EU bestimmt. Einen solchen Föderationsrat braucht die EU auch künftig, ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland ihren Bundesrat als Ländervertretung braucht. Es spricht nichts dagegen, dass eine entsprechende Institution in Brüssel bleibt.

3.9 Das Nervensystem Europas – und der Welt?

Malen wir nun unsere liebenswerte Vision (eine solche brauchen wir, um am Krankenbett des heutigen Europa der Hoffnung auf Genesung eine Richtung zu geben) schließlich noch hinsichtlich des Nervensystems aus, also hinsichtlich der erhofften Rollen der Sprachen!

In Luxemburg und Belgien, den beiden Keimzellen Europas, deren Wirtschaftsunion 1920 gleichsam die Urzelle der Europäischen Union wurde, sind die Bürger heute schon dreisprachig: ohne Sprachgrenzen in Luxemburg, mit klaren Grenzen zwischen Gleichberechtigten in Belgien.

Die Luxemburger sprechen untereinander das (mehr und mehr auch schon geschriebene) Letzeburgisch, schreiben aber in der Regel Deutsch und verwalten sich Französisch. Die Lernleichtigkeit des als Hocheuropäisch vorgesehenen ILo lässt keinerlei Schwierigkeiten befürchten, dass dieses kleine Volk innerhalb eines Jahrzehnts diese gemeinsame europäische Zweitsprache als vierte Sprache ebenensogut wie die drei anderen beherrscht.

Die Belgier bieten den anderen mehrsprachigen Staaten Europas das zweite Vorbildmodell einer sprachlichen Gleichstellung ohne Staatsauflösung nach tschechoslowakischem Vorbild: die Umwandlung in eine Föderation verschiedener Nationen. Nur die Hauptstadt Brüssel ist nicht sprachlich getrennt sondern strikt zweisprachig, vergleichbar mit der Luxemburger Sprachregelung.

Deutsch, die europäischer Zentralsprache und relative Mehrheitssprache, ragt nicht nur nach Luxemburg hinein, sondern auch nach Straßburg, das aus leidvollen historischen Gründen im Sprachgrenzbereich zu Französisch liegt. Dem zielbewussten französischen Sprachpolitiker Charles de Gaulle war es gelungen, der französischen Sprache sogar die Präsenz an allen drei Zentren europäischer Einigung zu sichern, indem diese - entlang der französischen Sprachgrenze - in Straßburg, Luxemburg und Brüssel eingerichtet wurden. Aber bei den europäischen Institutionen in Luxemburg und Brüssel kann es ohne Schaden für den europäischen Sprach- und Kulturreichtum zu einer sprachlichen Konzentration auf ein gemeinsames Hocheuropäisch kommen, womit Französisch, Deutsch, Niederländisch und Letzeburgisch lediglich in der soziokulturellen Umwelt präsent wären. Englisch dagegen wäre zweifellos in Strassburg als nordamerikanische Zentral- und Mehrheitssprache eine der drei Sprachen im erhofften Rat des Nordens, neben Russisch als Zentral- und Mehrheitssprache der GUS und dem neutralen Europäisch einer idealen EU. Zwischen drei Sprachen ist eine Simultanübersetzung bewältigbar, und von den Beschäftigten dieser Institution kann sogar die Beherrschung aller dieser drei Sprachen erwartet werden.

Eine befriedigende Lösung des Kommunikationsproblem nicht nur Europas sondern der ganzen nördlichen Welt erscheint damit als einfach und greifbar nahe. Sie hat allerdings einen doppelten Schönheitsfehler.

Erstens wird die UNO trotz ihrer gesunkenen Bedeutung weiterbestehen müssen, um die Länder der nordamerikanischen Freihandelszone, der GUS und der EU zu gemeinsamen Beratungen mit den Ländern anderer Erdregionen zusammenzuführen (und auch mit "blockfreien" Staaten, zu denen aus sehr verschiedenen Gründen in Europa weiterhin die Schweiz, die Republik von San Marino und der Vatikan gehören werden). Diese Erdregionen werden - neben Englisch, Russisch und dem erhofften Europäisch - die Berücksichtigung weiterer Sprachen erforderlich machen, nämlich ihrer Zentral- und Mehrheitssprachen, soweit sie sich nicht jeweils auf eine andere Verständigungssprache einigen. Wegen Südamerika bliebe daher wohl Spanisch UNO-Sprache (wenn nicht Brasilien Portugiesisch durchsetzt), wegen der islamischen Welt Arabisch, wegen China Chinesisch, wegen Afrika möglicherweise Französisch (wenn nicht durch Suaheli eine afrikanische Identität begründet wird). Indien mit seinem ähnlich großen Kultur- und Sprachenreichtum wie die Europäische Union könnte weiterhin das dort, nach Beendigung des Kolonialstatus neutral gewordene Englisch als gemeinsame Zweitsprache nutzen. Es könnte aber auch seine Zentral-, Mehrheits- und offizielle Staatssprache Hindi aufwerten und bei der UNO offizialisieren lassen. Dieser Schritt ist auch für Japanisch und für Bahasa Indonesia denkbar. Damit bliebe aber die Regelung der Sprachenfrage bei der UNO das, was sie schon bisher ist: ein fauler Kompromiss zwischen Gleichberechtigung und Effizienz. Er wäre selbst scheindemokratisch nicht zu rechtfertigen, da die weltweit nur zweitstärkste Sprache, Englisch (getragen von 9% der Weltbevölkerung) in der UNO-Praxis gegenüber Chinesisch (20%) bevorzugt bleiben dürfte. Die Esperantisten würden diesen faulen Kompromiss weiterhin zurecht angreifen, um ihm ihr besseres, weil neutrales und effizientes Angebot entgegenzustellen.

Hiermit wird der zweite Schönheitsfehler unserer Europavision deutlich, der ebenfalls auf Kritik seitens der Esperantisten stoßen dürfte. Für ihre Plansprache, die Internacia Lingvo (ILo) de Doktoro Esperanto, wurde oben ein allzu bescheidener Einsatzbereich erträumt, indem sie nur zum (Hoch-) Europäisch gewählt wurde, das Kristallisationskeim eines positiven europäischen Wir-Gefühls werden sollte. Global gesehen könnte ILo dann nicht mehr die Rolle einer weltweit neutralen Verständigungssprache spielen – Bemühungen in dieser Richtung würden später als "eurozentristisch" verworfen. Die UNO müsste also vor der EU die Chance nutzen, ihr Sprachproblem durch ILo zu lösen. Aber damit würde zwar eine weltweit schon benutzte neutrale Sprache sich auch hervorragend zur neutralen innereuropäischen Verständigung eignen. Nur wäre diese Sprache nicht mehr Europa-typisch. Sie wäre daher für die Bildung eines positiven europäischen Wir-Gefühls nicht förderlich.

Besser als zwei verschiedene neutrale Sprachen einführen zu wollen – eine (beispielsweise Latein) zur Verständigung in Europa, die andere (beispielsweise ILo) zur interkontinentalen Verständigung – ist es, mit einer beträchtlichen Zeitverschiebung zwischen einer vernünftigen Sprachregelung in Europa und einer späteren globalen Sprachregelung zu rechnen und sie zu nutzen. Das einfache, vernünftige Metrische System – die Sprache unseres wissenschaftlichen und alltäglichen Messens in Metern und Grammen – wurde 1871, fast genau zweihundert Jahre, nachdem es erstmals vorgeschlagen, und rund 3 Jahrzehnte, nachdem es von Frankreich (damals als einzigem Land) endgültig eingeführt worden war, zur Förderung der deutschen Einigung als neutrales Maßsystem übernommen. Damals wurden nicht etwa die preußischen Maße auch den Bayern, Württembergern und Hessen aufgedrängt. Das leichter anwendbare System zusammenhängender Maßen wurde inzwischen weltweit durchgesetzt. Nur in den USA wird noch heute, an der Wende zum dritten Jahrtausend, weiterhin in Zoll und Unzen gemessen. ILo ist im Grunde eine Erweiterung der Maßsprache des Metrischen Systems zu einer vernünftig geplanten allgemeinen Sprache. Es gibt keinen Grund dafür, dass die Nordamerikanische Freihandelszone mit ihren drei offiziellen Staatssprachen (Englisch, Spanisch, Französisch) in absehbarer Zukunft ILo von Europa übernehmen würden. Es besteht also viel Zeit, diese neutrale Sprache nicht nur für eine vernünftige Lösung des innereuropäischen Kommunikationsproblems zu nutzen, sondern mit ihrer Hilfe auch ein positives europäisches Wir-Gefühl zu erzeugen.

Ohne gemeinsame, Europa-typische Sprache ist es unmöglich, ein dauerhaftes (also Zeiten gemeinsamen Bedrohtseins überdauerndes) europäisches Wir-Gefühl entstehen zu lassen; aber die Sprache allein wird für die europäische Identität nicht ausreichen. Andere Gemeinsamkeiten müssen um dieses Nervensystem herum reifen und die bewusste Eigenständigkeit stabilisieren. Gelingt es dann Europa anschließend, von seiner neutralen Sprache wie zuvor von seinem neutralen Maßsystem die Welt zu überzeugen, dann wird dies das europäische Selbstbewusstsein nicht mehr erschüttern.

 

Kapitel 2 Inhalt Kapitel 4