Europa so - oder besser?
4. Auf dem Weg zur Heilung
4.1 Mittel und Wege - Empfehlungen verschiedener Krankenberater
Der Arzt am Krankenbett bedenkt Mittel und Wege zur Heilung des Patienten, zu dem er von Angehörigen oder vom Patienten selbst zur Hilfe gerufen wurde.
In schweren Fällen verbleibt ihm als einschneidendes Mittel die Operation. Mildere Mittel sind Medikamente, die er tropfenweise oder in Form anderer Heilimpulse dem Kranken eingibt. Das mildeste, weil immaterielle Mittel ist die Beratung zur selbständigen Krankheitsüberwindung durch Verhaltensänderung des Erkrankten in seinem Handeln, Reden und Denken. Mut machen macht jedes Mittel wirksamer: der Kranke muss das Gesundsein kennen und wünschen, und er muss an die Heilbarkeit seiner Krankheit glauben. Bei psychischen Erkrankungen fehlt zu diesem Wissen, Wollen und Glauben oft gerade die geistige Gesundheit. Europa krankt nicht in erster Linie an unschwer einsehbaren, körperlichen Kinderkrankheiten seiner Institutionen und Funktionen. Die tieferschürfende Diagnose ergibt, dass Europa im Grunde psychisch krank ist ohne dies selbst zu bemerken, zu bemängeln oder gar für verbesserbar zu halten. Denn nicht in erster Linie militärische, wirtschaftliche oder administrative Unzulänglichkeiten schwächen Europa im Vergleich zu seinen beiden großen Brüdern im Osten und Westen; Europa leidet vielmehr an kultureller Insuffizienz und hängt am falschen Tropf. In seinem Delirium wähnt Europa, sich mit US-amerikanischen Infusionen künstlich ernähren lassen zu können, und vergiftet damit die Reste und Neuansätze seiner eigenen Kultur. Mit welchen verfügbaren Mitteln kann unser krankes Europa auf welchen Weg der Heilung gebracht werden?
Wer sich auf dem Abweg befindet ohne umzukehren oder wenigstens zu bremsen, der wird mit mechanischer Notwendigkeit immer weiter herunterkommen. Der tödliche Ausgang des europäischen Krankheitsverlaufs muss den Bürgern und Politikern Europas vor Augen geführt werden, damit sie und ihr Europaparlament in eine Therapie einwilligen. Das erste Kapitel dieser Denk- und Streitschrift sollte deutlich machen, dass Europas Zustand schlecht ist, das zweite Kapitel, dass er ohne kreative neue Maßnahmen sich zwangsläufig weiter verschlechtert. Wer heilen will, darf das Unheil nicht verherrlichen oder auch nur verharmlosen oder verheimlichen. Er muss es mit grellen Warnsignalfarben ins Auge stechen lassen.
Das visionäre dritte Kapitel sollte andererseits die Aussicht auf ein mögliches heiles Europa eröffnen. Zu erfragen bleibt nun im letzten Kapitel ein gangbarer Ausweg dorthin, eine erfolgversprechende Therapie, kurz: eine zweckmäßige Europapolitik. Die gangbaren Wege können verschiedenartig sein und von den drei grossen Ärztefraktionen unterschiedlich bewertet werden.
Im konservativen Lager findet sich eher Bereitschaft, das sprachliche und kulturelle Erbe der europäischen Nationen zu wahren, als schon Bereitschaft, auch den dazu nötigen zweiten Schritt zu wagen, nämlich dieses Erbe unter dem (die Einheit in der Vielfalt stiftenden) Dach einer gemeinsamen, neutralen europäischen Verständigungssprache und einer an sie gebundenen, transnationalen europäischen Kultur dauerhaft zu schützen und weiterzupflegen. Im egalitären Lager erscheint die Gleichberechtigung, die ein gemeinsames, neutrales Europäisch allen Sprachgruppen der Union bietet (nicht zuletzt auch den ausländischen Mitbürgern), wichtiger als die sprach- und kulturschützende Nebenwirkung. Die Liberalen schließlich überzeugt am ehesten der Zeitgewinn, den eine gut geplante und daher leicht lernbare, gemeinsame europäische Zweitsprache für das zusätzliche Lernen von mehr als einer europäischen Nationalsprache freisetzt. Denn dabei kann den künftigen Schülern wirklich freie Fremdsprachwahl gewährt werden, und die Fremdsprachpädagogik wird befreit vom bisherigen Zwang zur geistigen Eingleisigkeit aus Europa hinaus. Es ist gut, dass verschiedenen Seiten alle drei Perspektiven schon bewusst werden.
Erschreckend ist nur, dass in jeder der drei Fraktionen erst eine Minderheit die zu heilende Krankheit und einen Weg zur Heilung erkannt hat. Noch vor drei Jahrzehnten fand auch der bitter nötige Naturschutz nur wenige Fürsprecher unter den Politikern. Damals bedurfte es um im Bild zu bleiben der Praxiseröffnung durch einen "grünen" Spezialarzt, der sich vollständig auf die Warnung vor der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt konzentrierte. Inzwischen haben diese Warnung europaweit alle verstanden, und der Europabürger fahndet nach Ärzten für die noch weit wichtigere Aufgabe des Kulturschutzes. Es ist seine schwere Wahl, denn erst wenige Kandidaten sind einschlägig qualifiziert. Es werden sich weit mehr qualifizieren, sobald der Wähler dafür Interesse zeigt.
Hier zeigt sich ein Teufelskreis: der Arzt kommt nur, wenn er gerufen wird, und der Patient ruft ihn nur, wenn er sich krank fühlt, doch gerade dieses Gefühl hat der psychisch Kranke oft nicht wer klärt ihn auf? Mehrheitlich sind nicht nur die Politiker sondern auch ihre Wähler noch blind gegenüber der nicht mehr schleichenden sondern bereits galoppierenden Nervenkrankheit Europas: dem gestörten Kommunikationsverhalten, verursacht durch die Zerstörung unserer kulturellen, insbesondere sprachlichen Umwelt. Beharrliche Denkimpulse sind nötig, Anstöße zur Änderung des Verhaltens im Denken, Reden und Handeln, um das Unheil und die Heilbarkeit europaweit allen bewusst zu machen. Begonnen werden muss mit diesen mildesten, immateriellen Heilmitteln. Arzt und Patient Kandidaten und Wähler müssen sich diese zunächst in positiver Rückkoppelung wechselseitig geben, bis ausreichende ärztliche Kompetenz im Europaparlament entsteht, damit dieses sachverständig Heilmittel vorschreiben oder einschneidende Maßnahmen beschließen kann oder aber, bis auch in der Europapolitik der Arzt zum Berater des mündigen Patienten wurde, bis also Politiker und Bürger reif wurden für den allmählichen Übergang zur direkten Demokratie.
4.2 Änderung des Denkverhaltens
Anstöße müssen zunächst die Denkweise über Europa bessern. Wir müssen vorstoßen zu einer verheißungsvollen, verlockenden Vision eines künftigen Europa zu einem Traum-Europa -, das geschichtlich schon vorbereitet ist.
Europa ist kein geschichtsloses Konstrukt, ersonnen von Militärstrategen und Wirtschaftsmanagern. Nur ein geschichtlich gewachsenes und vernünftig weitergeplantes Europa, das von seinen Bürgern mit Kopf und Herz bejaht wird, kann Bestand haben und verdient es, dass alle bei seinem inneren Aufbau und äußeren Ausbau Hand anlegen. Gerade aus der geschichts- und kulturbewussten Paderborner Region können europäische Denkanstöße gegeben und weitergegeben werden. Dies gilt nicht nur augenblicklich, im letzten Europawahljahr des Jahrtausends.
Paderborn gedenkt in diesem Jahr kontrovers (und das ist gut so!) der Begegnung, die hier, im Jahr 799, also in der grauen Urgeschichte der europäischen Einigung, zwischen dem damaligen Frankenkönig und anschließenden ersten deutschen Kaiser Karl I. und dem Papst Leo III. zustandekam. Karl I. wurde als Folge nicht zuletzt dieses herausragenden Ereignisses in der Geschichte Paderborns zum bekanntester Europavisionär zwischen Cäsar und Hitler, bekannter noch als Napoleon. Dass er meist "der Große" genannt wird, mag man als anders Wertender damit rechtfertigen, dass er mit seinen 1,92 m die drei anderen Machtpolitiker weit überragte. Dass er Paderborn ein paar Jahre lang zu seinem Denkmal machen wollte und dazu diese seine Gründung "Karlsburg" nannte, tilgte er selbst nach einem vorübergehend erfolgreichen Aufstand der von ihm unterworfenen und hier zwangsgetauften Sachsen aus der Geschichte der Paderstadt. Entsprechend erklärte deren Rat die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers neuerdings als "nichtig von Anfang an". Karls I. Vernichtungskriege gegen seine andersgläubigen sächsischen Nachbarn aber müssen für uns heutige Europäer als schrecklicher Beitrag zur europäischen Urgeschichte mahnend bewusst bleiben, ebenso wie Hitlers Vernichtungskampagne gegen seine andersgläubigen jüdischen Mitbürger in der jüngsten Vergangenheit. Damit brauchen wir spätgeborenen heutigen Europäer uns weder an diesen noch an jenen Verbrechen mitschuldig zu fühlen, aber aus vergessenen Fehlern der Geschichte kann niemand lernen. Dass alle vier genannten machtpolitischen Visionäre (unter die man in dieser Hinsicht ganz unkonventionell als fünften auch Bismarck einreihen könnte) ob absichtlich oder ungewollt auch Positives für die Entwicklung zum heutigen Europa bewirkten, braucht man trotz aller sonst berechtigten Ablehnung nicht zu verdrängen. Egal, ob ein Mensch Heiliger ist oder Verbrecher: er ist, was er ist, nicht perfekt. Urgeschichte, Vorgeschichte und Frühgeschichte unserer heutigen Europäischen Union dürfen uns teils mit beflügelndem Stolz erfüllen, teils müssen sie uns beständig zu mehr Menschlichkeit, Weisheit und Weitblick mahnen. Aber keine Schulweisheit darf nackte Fakten fälschen und verdunkeln.
Historisches Faktum ist, dass in der Vergangenheit machthungrig und unduldsam in und aus Europa Eroberungsfeldzüge gegen den Osten und Kreuzzüge gegen Andersdenkende geführt wurden. Davon heben wir heutigen Europäer uns mit dem Bekenntnis ab, dass uns eine gewaltsame Osterweiterung so ferne liegt, wie die Zwangsvorstellung von einem einheitlich christlichen Europa. Wir dürfen uns Europa nicht als "christlichen Club" vorstellen, wie im Kreis beitrittswilliger Länder befürchtet wird, sondern als einen von liberalem Geist geprägten vorläufigen Staatenbund und künftigen Bundesstaat, in welchem neben Christen aller (auch orthodoxer) Konfessionen gleichberechtigt Juden und Muslime ebenso wie buddhistische und szientistische Atheisten leben können falls sie sich als zivilisierte Europäer oder Wahleuropäer fühlen und verhalten. Auch befürworten wir heute die schrittweise Ergänzung der EU - über die deutsche Ostgrenze hinaus bis zur Westgrenze Russlands und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten durch möglichst frühzeitige Aufnahme aller vom selben liberalen Geist geprägten beitrittswilligen Länder mit dem Ziel einer stabilen Föderation gleichberechtigter, freiheitlicher Nationen. Karl I. dagegen wollte nur für sich selbst ein großes Reich, um es hernach auf drei seiner Söhne aufzuteilen. Wir wünschen kein neues Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Wir sagen mutig Ja! zur Vielstimmigkeit des europäischen Chors aber er darf nicht zur selben Zeit verschiedene Lieder singen. Europa muss nicht einstimmig und schon gar nicht einsprachig sein, aber als Krönung ihrer bewahrenswerten Kulturvielfalt müssen die Nationen der Europäischen Union auch ein gemeinsames Wir-Gefühl kultivieren, die europäische Identität finden.
Europäische Impulse aus Paderborn gingen nicht nur vor zwölfhundert Jahren von Karl I. aus. Noch weniger als peinlich Mahnendes dürfen die positiven Impulse vergessen werden, die in unserem Jahrhundert aus der Paderborner Region kamen, denn sie können weiterhelfen, die Europäer auf friedlichem Wege zu verbinden und ihre weltoffene Eigenständigkeit zu wahren.
Es sollte nicht vergessen oder gering geschätzt werden, dass es das (1952 gegründete) Paderborner "Labor für Impulstechnik" war, das zielstrebig in die Marktlücke der Kleinrechner vorstieß, sich damit als Nixdorf Computer AG über ganz Europa hinweg (und darüber hinaus) ausbreitete und schließlich mit dem Weltunternehmen Siemens verschmolz. Kleinrechner hatten inzwischen begonnen, zuerst auf bald jedem Arbeitsplatz und dann auch zuhause persönlich verfügbar zu sein, um schließlich in neuester Zeit weltweit vernetzt zu werden. Dieses bürgernahe, nicht zentralisierte und damit staatlicher Zensur kaum noch zugängliche Nervensystem "Internet" wird immer dichter - zum Segen insbesondere auch der zusammenwachsenden und weiterwachsenden Europäischen Union. Die mündig werdenden Bürger Europas (und der Welt) beginnen, es als nicht bloß fiktive Möglichkeit zur Verwirklichung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung zu erleben und es den weitgehend von politischen und wirtschaftlichen Ver-Führern beherrschten Massenmedien als ihr eigenes Sprachrohr gegenüberzustellen. Sie beginnen hellhörig zu werden gegen (auch im Europaparlament aufgetauchte) Aktionspläne der Übermächtigen, das Internet unter ihre Kontrolle zu bringen. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend erleben wir einen weiteren, großen Schritt zur Emanzipation des mündigen Bürgers.
Das Kommunikationsproblem, das wir als Nerv des europäischen Einigungswerks zu begreifen haben, ist aber durch die freie Verfügbarkeit vernetzter Kleinrechner und anderer Kommunikationsnetze erst von der Seite der materiellen Medien her weitgehend gelöst. Ergänzend muss von der Seite des menschlichen Nutzers aus an der freien Verfügbarkeit auch des Mediums Sprache gearbeitet werden. Übersetzungshilfen im Netz bis hin zur automatischen Sprachübersetzung sind nützlich und förderungswürdig, bleiben aber ein nie voll befriedigender Ersatz für die unmittelbare Verständigung in einer gemeinsamen Sprache. Auch hierzu ging von Paderborn ein Impuls aus, der allmählich in Europa wirksam wird: der schon erwähnte Sprachorientierungsunterricht an der Grundschule zur Verbesserung des Fremdsprachunterrichts durch lernerleichternde Voranstellung von ILo. Diese vernünftig geplante Sprache kann ohne nennenswerte Reformen als gemeinsames "Europäisch" - als Brücke zwischen (und Dach über) den weiterzupflegenden europäischen Nationalsprachen -eingeführt werden. Vor 25 Jahren wurde in Paderborn mit der Gesellschaft für sprachgrenzübergreifende europäische Verständigung (Europaklub) ein Träger gegründet, durch den von 1975 bis in die achziger Jahre hinein in fast allen Grundschulen in und um Paderborn der Sprachorientierungsunterricht zunächst als pädagogisches Experiment durchgeführt wurde. Rasch kamen Parallelklassen im europäischen Ausland hinzu (zuerst in Paderborns erster Partnerstadt Le Mans), und seit 1993 ist diese pädagogische Innovation in Italien einzige Alternative zum dort obligatorischen Frühunterricht in einer fremden europäischen Nationalsprache. Andere "Paderborner Impulse" sandte der Europaklub nicht ohne einige nachhaltige Erfolge als heilsame Umdenkanstöße auch in den Bereich der internationalen wissenschaftlichen Kommunikation.
4.3 Änderung des Sprachverhaltens
Wir sind damit beim Sprachverhalten in Europa (und der wissenschaftlichen Welt) angelangt. Impulse, es zu bessern, häufen sich in jüngster Zeit auch im deutschen Sprachraum und besonders auch in der Paderborner Region. Sie müssen vervielfacht werden und auf alle Bevölkerungsgruppen ebenso wie auf unsere Bildungsstätten, Behörden, Medien, Werbeagenturen und Werbeabteilungen, aber endlich auch auf unsere Politiker einwirken. Deren schon zum europarhetorischen Ritual erstarrten, feierlichen und folgenlosenVerweise auf den Reichtum Europas an Sprachen und Kulturen müsssen durch notorisches Nachfragen nach ihrem Vorbildverhalten relativiert werden. Ein kettenrauchender Krebsarzt kann kaum mit Erfolg zu einer Reduktion des Nikotinkonsums raten. Andererseits wird dem Raucher diese Reduktion desto leichter gelingen, je wichtiger ihm andere Werte werden. Sie gilt es sichbar zu machen.
Unerwartet rasch wachsenden Zulauf verzeichnet derzeit der Verein zur Wahrung der deutschen Sprache. Erst im November 1997 an der Universität Dortmund gegründet haben seine Spott- und Protestmaßnahmen schon bewirkt, dass große Unternehmen ihr ausgeufertes anglizistisches Sprachverhalten durch zunehmende Berücksichtigung der Sprache ihrer deutschen Kunden ersetzen. Der Prozentsatz englischsprachiger oder mit überflüssigen Anglizismen durchsetzter Anzeigen in einem bekannten, sonst deutschen Nachrichtenmagazin ist drastisch gesunken. Durch die öffentlichen Ernennungen zum jeweiligen Sprachpanscher des Monats gibt der Verein kräftig bremsende Denkimpulse. Seine Vorschläge vorzuziehender deutscher Alternativen zu (oder Eindeutschungen von) leicht ersetzbaren Anglizismen sollen positive Anstöße geben. Mit seinem Slogan "EUROPA ist unser Haus und DEUTSCH unsere Sprache" verbindet der Verein ein Aktionsprogramm, das zwischen nationalistischer Überheblichkeit und quislinghafter Unterwürfigkeit der deutschen Sprachpolitik einen vernünftigen Mittelweg weisen will. Andere Bürgerbewegungen für die Erhaltung sprachlicher und kultureller Vielfalt in Europa ermöglichten in Österreich das Erscheinen einer Liste empfohlener Übersetzungen als Druckschrift. Im Vorwort dazu findet sich der Hinweis, dass in Deutschland ein fernsehfreudiger Rentner, der im Februar 1995 gegen Thomas Gottschalks notorisches Ersetzen des deutschen Wortes "Kinder" durch "Kids" protestiert hatte, dem Psychiater vorgeführt wurde.
Das Liefern von Denkimpulsen an Kulturschädlinge sollte trotzdem nicht nur im Verein gewagt werden. Es darf sich auch nicht beschränken auf nachhaltiges Bitten um deutsche Erklärung, wenn z.B. die Nachfolgeunternehmen der vormals monopolistischen Staatsbetriebe Bahn und Post gute deutsche Bezeichnungen durch überflüssige Anglizismen wie "Service Point" und "CityCall" ersetzen, oder wenn (wo auch immer!) "bachelor-Abschlüsse" und ein "Credit-Point-System" für das deutsche Bildungswesen gefordert werden. Permanent zu rügen ist daneben nicht minder das schleichende Unterminieren deutscher Sprachstrukturen, wo deren Abriss keinerlei Vorteil bringt. Hört man jemanden behaupten, etwas mache Sinn, dann frage man: "Derzeit hat es also (noch) keinen Sinn?" Und wenn jemand nur "denkt, dass ...", verdient er die Rückfrage: "Glauben Sie das (meinen Sie es ernst), was Sie da denken?" Wo aber Anglizismen leichter assimilierbar als übersetzbar sind, und korrekte deutsche Schachtelsätze durch Wortumstellungen nach englischem Satzbaumuster erheblich leichter verständlich werden, dort ist es besser, durch solche nützlichen Anleihen die deutsche Sprache weiterzuentwickeln, anstatt sich in einen starren Sprachpurismus zu verbeißen. Konkret: Nichts spricht dagegen, im Internet zu surfen (wenn man nicht sagt, man sörfe darin) und manche Sätze der gegenwärtigen Denkschrift würden schwerer verständlich, würde ihre Wortfolge nach deutscher Grammatik korrigiert.
Ein einziges Beispiel macht einsichtig, wie wichtig Denkimpule nicht nur zum Schutz unserer deutschen Denksprache sind, sondern auch zur Befreiung unseres Denkens aus der sprachbedingten Fesselung an Vorurteile. Es ist übrigens ein Beispiel für ein sprachlich gepflegtes Vorurteil, das vor wenigen Monaten seine Aktualität erneut steigerte, und erst durch die Ereignisse der letzten Wochen besserer Einsicht zu weichen beginnt. Wenn nämlich nicht nur in Presse, Funk und Fernsehen bei der (inhaltlich sogar einwandfreien) Mitteilung von Ereignissen der Ausdruck "Separatisten" verwendet wird, bedarf es der Rückfrage, ob damit Freiheitskämpfer gemeint sind, oder was sonst?
Schon im November 1974, also 23 Jahre früher als der Verein zur Wahrung der deutschen Sprache, wurde in Paderborn die schon erwähnte Gesellschaft für sprachgrenzübergreifende europäische Verständigung, kurz: der Europaklub gegründet. Dies war der spätest mögliche Zeitpunkt, um Träger des Sprachorientierungsunterrichts zu werden, der im Februar 1975 an Paderborner Grundschulen begann. Es war auch längst nicht mehr zu früh, um in den Bereich der Wissenschaft Denkimpulse zur Sanierung und kreativen Ergänzung der Fachsprachen zu senden. Durch sein Vorbildverhalten auch in diesem Sektor gelang es vielmehr dem inzwischen im ganzen damaligen EG-Raum (und darüber hinaus) verbreiteten Europaklub von Paderborn aus, 1980 die bis dahin nur französisch- und englischsprachige Association Internationale de Cybernétique zur zusätzlichen Zulassung von ILo als neutraler Wissenschaftsprache zu bewegen, und in der Republik von San Marino 1983 den Regierungsbeschluss zur Gründung der Akademio Internacia de la Sciencoj (AIS) mit der besonderen Aufgabe der Einführung von ILo in Wissenschaft und Kultur auszulösen.
Ansonsten entstand der Europaklub aber viel zu früh (fünf Jahre vor der ersten Direktwahl zum Europaparlament!), als dass er schon in weiten Bevölkerungskreisen hätte genügend Resonanz finden können, um neben den Bereichen von Bildung und Wissenschaft - auch im politischen Sektor weitere Erfolge zu erringen. Zwar fanden der Europaklub und sein Sprachorientierungsunterricht (nicht nur in Stadt und Kreis Paderborn) die Unterstützung aller drei unverzichtbaren politischen Lager. Aber für die darüber hinausgehende europapolitische Zielsetzung, nämlich in breiten Kreisen Aufgeschlossenheit für eine gemeinsame neutrale Zweitsprache Europas zu wecken (wobei als Alternative zu ILo auch Latein bedacht wurde), war die Zeit noch nicht reif. Lediglich im liberalen Lager wurde schon ein kleines Licht zur Aufhellung der (nicht nur europaweit großen) sprachpolitischen Finsternis angezündet: der Arbeitskreis für liberale europäische Sprachpolitik (ALEUS) wurde gegründet ebenfalls in Paderborn, wo der Orts- und Kreisverband der F.D.P. mit "Kernforderungen einer liberalen europäischen Sprachpolitik" Denkimpulse an den Bezirks- und Landesverband sowie auf die Bundesebene zu senden begann.
Kurzfristig wird der Verein zur Wahrung der deutschen Sprache politisch mehr bewirken, denn er beschränkt bewusst seine Agitation auf nur zwei der drei schon vom Europaklub aufgestellten Kernforderungen zu einer europäischen Sprachpolitik, nämlich auf jene, die auch zur nur deutschen Sprachpolitik gehören sollten. Gefordert wird (in der Formulierung des Europaklub) erstens die Überwindung des herrschenden Sprach-Defätismus zugunsten einer sprachpolitische Stetigkeit durch Wahrung des Bewährten, also konkret: durch Wahrung der deutschen Sprache im öffentlichen und kulturellen Leben, einschließlich Bildung und Wissenschaft. Gefordert wird zweitens, dass dies nicht in einen deutschen Sprach-Chauvinismus ausarten darf, dass vielmehr dasselbe Verhalten auch den anderen Sprachgruppen zusteht, und dass eine sprachpolitische Gewichtsangleichung anzustreben ist, nicht zuletzt durch Hilfsbereitschaft gegenüber anderen europäischen Nationen bei der Wahrung und Weiterentwicklung ihres jeweiligen sprachgebundenen kulturellen Erbes. Trotz dieser ausdrücklichen Ergänzung der konservierenden Zielsetzung durch ein egalitäres sprachpolitisches Korrektiv birgt die Konzentration auf die Sprachverteidigung die Gefahr, von (wie auch immer motivierten) Gegnern in die "rechte Ecke" gestellt oder gar als "nationalsozialistisch" verunglimpft zu werden.
Die Unterstellung, nationalsozialistisches Denken verberge sich hinter der Verteidigung der deutschen Sprache gegen ihre Überfremdung mit entbehrlichen, nicht eingedeutschten Anglizismen und hinter der Forderung nach mindestens gleichrangiger Verwendung von Deutsch im amtlichen Europa, ist offensichtlich widersinnig. Richtig ist, dass Hitler schon früh das Fremdsprachenlernen abqualifizierte und namentlich "Esperanto" als "jüdische Universalsprache" brandmarkte (1925), deren Unterrichtung in deutschen Schulen er zehn Jahre später durch seinen Erziehungsminister beenden ließ (1935). Richtig ist ferner, dass Hitler seinen Parteiangehörigen durch Dekret seines Stellvertreters die Mitgliedschaft in Esperantovereinen ausdrücklich verbot (1936). Richtig ist aber auch, dass Hitler wenig später (1940) per Erlass seines zuständigen Ministers auch die deutsche Sprachreinigung durch Übersetzung "eingebürgerter" Fremdwörter untersagte. Aber sogar abwegige Argumente gegen vernünftige sprachpolitische Zielsetzungen sind wirksam, insbesondere bei sprachpolitisch Blinden.
Ernst zu nehmen ist der Einwurf, wie denn die europäischen Nationen zu einer Einheit in der Vielfalt finden können, wenn jede Nation nur auf ihre Sprachreinigung bedacht ist und sich sonst mit der mehr oder weniger wortreichen Forderung und stillschweigend-selbstverständlichen Anerkennung der sprachlichen Gleichberechtigung aller Partnernationen begnügt. Die einzige vernünftige Antwort darauf ist die vom Europaklub darüber hinaus vertretene dritte Forderung. Sie verlangt, nicht nur Sprach-Defätismus und Sprach-Chauvinismus sondern auch den Sprach-Utopismus zu vermeiden. Utopisch ist die Annahme ahnungsloser Europapolitiker, die unbestreitbar erforderliche, neutrale europäische Sprachpolitik könne sich allein mit der Forderung nach mehr Fremdsprachenunterricht und mit der Förderung der automatischen Sprachübersetzung begnügen, ohne sich - nach vorurteilsfreiem, sorgfältigem Vergleich - zu einer Entscheidung zwischen einer "alten" Sprache (wie Latein) oder einer Plansprache (wie ILo) als einzuführende, neutrale europäische Hochsprache durchringen zu müssen. Eigene Sprachpflege auf der einen Seite und Nutzung neutralsprachiger Kommunikationsmöglichkeiten mit Anderssprechenden: beides zusammen gibt ein tragbares Paar Schuhe für eine gangbare europäische Sprachpolitik!
Vorläufig werden sie vorwiegend nur von weitblickenden Europabürgern ohne eigene politische Entscheidungsbefugnis getragen. Es wäre wirksamer, wenn mehr Mitglieder des Europaparlaments und anderer europäischer Einrichtungen - und auch mehr Wissenschafts- und Bildungsminister und andere maßgebende Politiker in mehr EU-Mitgliedsstaaten als bisher - sich zumindest für entscheidungsvorbereitende Vergleiche der Vorschläge zur neutralen europäischen Sprachpolitik aussprächen. Wenn aber wenigstens schon ihre Wähler darüber sprechen, wird dies auf die Dauer Wirkung zeigen. Ihr diesbezügliches Sprachverhalten kann andere natürlich nur überzeugen, wenn es nicht im Verborgenen bleibt, und insbesondere wenn es beispielgebend hinausgeht über die bloße Mahnung, man könnte, sollte und müsste ... . Noch zögern zu viele Wohlgesinnte, ihr besseres Denkverhalten durch besseres Sprachverhalten auch praktisch zu äußern, indem sie in ihrem eigenen täglichen Sprechen und Schreiben im Sinne der sprachpolitischen Vereine beispielgebend sind und, innerhalb ihres je eigenen Wirkungskreises, andere dazu durch kritische Hinweise bewegen. Wer meint, dies alles sei "nur ein Tropfen auf den heißen Stein", der sollte sich einen Impuls geben lassen, in seinem Denken dieselben Hauptwörter zu einer anderen Redewendung zu verbinden: "Steter Tropfen höhlt den Stein." Statt defätistisch zu zweifeln, ob die noch schwache Strömung der sprachpolitisch schon Aufgeklärten wirklich Europas Besserung bewirken könne, gilt es, die kommunikativen Rückkoppelungsstrukturen zu schaffen, durch die auch kleinste Wirkungen zu erweiterter Anstrengung verhelfen und ermutigen, bis daraus der starke Strom wird, den Europa braucht. Auch industrielle Starkstromerzeugung gelingt nur so.
Damit es sich rückkoppelnd verstärken kann, muss richtiges Reden die Ohren der Bürger und Politiker erreichen und durchdringen (auch die Ohren derer, die besonders schwerhörig sind, weil sie nicht hören wollen). Öffentlichkeitsscheues Flüstern führt nicht weiter. Zwei ganz persönliche Erfahrungen des Autors hinsichtlich europagerechten Sprechverhaltens seien daher hier nicht zur Fußnote unterdrückt.
1. Noch im hohen Alter unterstützten der kroatische Landwirtschafts- und Gartenbauwissenschaftler Oton Pancer als Senatsssekretär und der serbische Astronomie- und Mathematikprofessor Bozidar Popovic als Schatzmeister den Aufbau der Internationalen Akademie der Wissenschaften (AIS) San Marino. Nicht nur bei den dortigen Senatssitzungen sondern auch während der weitgehend gemeinsamen Reise von und nach Zagreb bzw. Belgrad sprachen sie lange nach dem Tode des Esperantofreundes Tito miteinander ILo, obwohl sie sich unschwer auch verstanden hätten und gleichberechtigt geblieben wären, wenn der eine Kroatisch gesprochen, der andere Serbisch geantwortet hätte (viel leichter noch, als sich Tschechen und Slowaken verstehen, wenn jeder bei seiner Sprache bleibt). So aber verstärkte diese gemeinsame Sprache ihr Zusammengehörigkeitsgefühl - nicht als Ex- oder Restjugoslawen, sondern als gleichgesinnte Europäer und Wissenschaftler. Weder Russisch noch Englisch hätte dies bewirken können, noch helfen diese Sprachen heute zur Überbrückung der weiter zugespitzten Gegensätze zwischen den Nationen des einstigen Jugoslawien. Zamenhofs Brückensprache aber verbindet weiterhin jene, die sie dort sprechen.
2. Den Autor verband mit seiner ersten Frau sie war Geographie- und Mathematiklehrerin - bis zu ihrem Tode nicht zuletzt die gemeinsame schwäbische Mundart. Nur außerhalb der Familie wurde statt dieser in der Berliner und später Paderborner Umwelt Deutsch gesprochen. In Paderborn kam es zum Anstoß, zusammen mit den beiden Kindern ILo zu lernen und bei jährlichen Reisen ins europäische und ostasiatische Ausland durch diese Sprache weltweit neue Freunde zu gewinnen - nicht zuletzt auch für die gleichberechtigte, fachliche Kooperation. Von Anfang an ermöglichte ILo die gleichberechtigte Kommunikation zwischen dem Autor und seiner zweiten Frau, die Linguistin tschechischer Nationalität ist. Nur zwecks Perfektionierung der Kenntnis der Umweltsprache wurde der Freitag einvernehmlich zum "Deutsch-Tag" erklärt. Die gemeinsame Tochter wächst problemlos dreisprachig auf. Sie spricht mit der Mutter Tschechisch, mit dem Vater und seinen ausländischen Gästen ILo, mit den beiden älteren Geschwistern und in der Paderborner Umwelt Deutsch. Zwischen diesen Sprachen vermag die nun Vierjährige bei Bedarf alles ihr inhaltlich schon Verständliche zu übersetzen. Das macht sie nicht zum Wunderkind.
Diese Erfahrungen bezeugen, dass und wie ein respektvolles Redeverhalten ein harmonisches Zusammenleben im europäischen Alltag ermöglicht: nämlich ohne Verzicht auf die eigene, nationale Denksprache, ohne Unterwerfung unter die nationale Denksprache eines Gesprächspartners, aber mit einer gemeinsamen Verständigungssprache, die neutral, ausdrucksstark und lernleicht ist, und dennoch entgegen dem hartnäckigen Vorurteil vieler Un-Informierter - auch die Ebene der Gefühle erreicht.
4.4 Änderung des Tatverhaltens
Mehr als Worte wirken Taten auch wo es um die Rettung der Sprache und der sprachgebundenen Kultur geht. Auch hier hilft schon das Verhalten des kulturbewussten Einzelbürgers, schon bevor er Nachahmung findet - und lange bevor aufwachende Politiker, die Hoffnung des Philosophen Immanuel Kant erfüllend, das verhaltenssteuernde Motiv als "Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten" lassen. Lange bevor die gesetzlichen Bestimmungen gegen die Umweltverschmutzung von der bloß materiellen Ebene des Naturschutzes auch auf die höhere geistige Ebene des Schutzes unserer kulturellen Umwelt gehoben werden, kann der Einzelbürger Besserung bewirken, indem er augenfälliger Kulturverschmutzung wenigstens ausweicht. Mit den Leitlinien ihres Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache nehmen sich daher diese Bürger für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas vor: "Wir werden bevorzugt solche Waren kaufen, die in deutscher Sprache ausgezeichnet sind und für die in deutscher Sprache geworben wird." Das kostet meist wenig Mühe und kann (vor allem, wenn man über das Gute, das man tut, auch redet) manchmal unerwartet rasch Wirkung zeigen. Vor geraumer Zeit wollte der Autor wieder einmal das ihm nächstgelegene Frisörgeschäft aufsuchen (absichtlich wird hier - die funkelnagelneue, amtliche deutsche Rechtschreibung verbessernd - das französische eu zu ö eingedeutscht). Angewidert musste er feststellen, dass es nicht mehr "Haarscharf" hieß, sondern in "Hairshop" umbenannt worden war. Statt lächelnd darüber hinweg- und hineinzugehen und die Kulturverschmutzung während des Haarschneidens nur verbal zu rügen, ging er den wenig weiteren Weg zum nächsten Frisiersalon namens "Haarmonie". In den Folgemonaten ließ er sich teils hier bedienen, teils, in ebenfalls zumutbarer Entfernung, im Konkurrenzgeschäft "Haargenau". Inzwischen kann er es sich wieder bequem machen: nach erneuter Umbenennung trägt der nächstgelegene Laden nun den liebenswerten Namen "Schnippelstübchen". Der Mehraufwand, den der sprachbewusste Kunde für sein kulturökologisches Verhalten betreiben muss, ist meist geringer als die Öko-Steuer, die der Naturschützer längst vor ihrer gesetzlichen Erhebung schon freiwillig durch seine nicht streng ökonomische Produktwahl bezahlte.
Der Tropfen höhlt den Stein erst durch stetiges Fallen. Ausdauer und Aufforderung zur Nachahmung sind dazu nötig. Verstärkende Resonanz ermöglichen sprachpolitische Vereinigungen. Bis der Kulturschutz ein zentrales Thema der Europapolitik wird, muss der Europabürger durch Mitwirkung bei solchen Bürgerinitiativen für die Hebung der Lebensqualität in unserer Erdregion arbeiten oder wenigstens gegen das weitere Sinken der Qualität des hiesigen Kulturlebens. Hilfreich ist schon die bloß passive Mitgliedschaft im Verein zur Wahrung der deutschen Sprache (VWDS), in der Gesellschaft für sprachgrenzübergreifende Verständigung (Europaklub), im Arbeitskreis für liberale europäische Sprachpolitik (ALEUS) oder bei Tätigkeit in wissenschaftlichen, technischen oder künstlerischen Berufen in der Internationalen Akademie der Wissenschaften (AIS). Denn demokratische Politiker pflegen hörbare Stimmen der Bürger nicht zu wägen, sondern als potentielle Wählerstimmen vorab schon zu zählen.
Die größte Wirkungsmöglichkeit, die dem Bürger in einer repräsentativen Demokratie gewährt wird, ist sein Wahlverhalten. Das ist zunächst sehr wenig, solange in keiner einzigen der (augenblicklich neun) Fraktionen und sonstigen Gruppen des 1999 neu zu wählenden Europaparlaments schon eine Mehrheit der Abgeordneten für eine machbare, neutrale Sprachpolitik besteht; denn nur dann würde sich diese Gruppierung als vorrangig wählbar qualifizieren. Wahlboykott ist aber weit weniger wirksam als die Abgabe von Denkimpulsen durch gezieltes, eventuell ungewöhnliches Wahlverhalten. Von seinem gewohnten Wahlverhalten kann man dabei angesichts der noch immer geringen Befugnisse des Europaparlaments und der blassen Wahlprogramme der bisher dort am stärksten vertretenen Parteien fast bedenkenlos abweichen. Zwar ist die Wahl zum Europaparlament 1999 eine Listenwahl, sie gestattet also dem Wahlvolk nicht zu entscheiden, wer von den einzelnen Parteien gewählt wird, sondern nur wie viele ihrer Kandidaten in das Parlament einziehen werden. Jeder wohnt aber in einem Wahlbezirk und kann dort befragt werden, ob er für die Besserung Europas durch Überwindung insbesondere der dargelegten sprach- und kulturpolitischen Versäumnisse eintritt.
Nur zehn der 99 deutschen Altparlamentarier bejahen bisher diese Frage. Sie sind auf drei der (gegenwärtig neun) Fraktionen und sonstigen Gruppierungen verteilt. Soweit sie wieder kandidieren, verdienen sie, dass in den Wahlkreisen, in denen sie ihren Wohnsitz haben, ihre jeweilige Partei welche es auch sein möge die Stimmen aller jener bekommt, die zielbewusst ein besseres Europa wünschen. Wenn dies eine auch nur kleine Erhöhung des Stimmenanteils bewirkt, und wenn die dahinter stehende Wählerabsicht offengelegt wird, dann wird dies die Aufmerksamkeit für das Wollen des heimischen Kandidaten innerhalb seiner Partei erhöhen und zugleich einen Anstoß in gleicher Richtung an die konkurrierenden Parteien geben.
Anders als in Irland und Belgien findet sich allerdings in den meisten deutschen Wahlkreisen kein Altparlamentarier, der sich schon bisher dafür aussprach, das krankende Europa an der Stelle zu heilen, an der Heilung am nötigsten ist: beim Fehlen einer europäischen Identität mangels einer gemeinsamen, neutralen Sprache zur Wahrung des unverwechselbar europäischen Reichtums an Sprachen und Kulturen. Wo den heimischen Altkandidaten hierzu die Einsicht (oder schon das erforderliche Problembewusstsein) fehlt, ist das Bekenntnis der anderen dortigen Kandidaten gefragt und zu erfragen, um gegebenenfalls ihrer Partei die Stimme zu geben. Der Wirkungsmechanismus ist im übrigen derselbe. - Bei den folgenden Kommunal- oder Regionalwahlen kann und sollte der Stimmzettel in ähnlicher Weise zum Denkzettel gemacht werden, da das Subsidiaritätsprinzip der Europäischen Union Zuständigkeiten auch sprachpolitisch wichtige - weitestmöglich nach unten verlagert.
Leider wird im Wahljahr 1999 in der Mehrheit der deutschen Wahlkreise auch das zweite Kriterium noch nicht zu einer Wahlempfehlung ausreichen. Dann (und nur dann) kann die Entscheidung zugunsten einer der kandidierenden Parteien nur unabhängig von Äußerungen ihrer Kandidaten getroffen werden, nämlich aufgrund eines Vergleichs (erstens) der allgemeinen Ziele und bisherigen europapolitischen Leistungen der einzelnen Parteien mit (zweitens) den je eigenen Wertvorstellungen des jeweiligen Wählers und (drittens) den augenblicklich in der EU bestehenden höchsten Dringlichkeiten.
Die drei klassischen politischen Lager, das liberale, das egalitäre und das konservative, stellen im gegenwärtigen Europaparlament die drei größten Fraktionen: mit zusammen 458 der 626 Abgeordneten gehören ihnen mehr als 2/3 der Parlamentarier an. Diese drei klassischen Fraktionen sind gewissermaßen die allgemeinen Ärztinnen am Krankenbett Europas; insofern sind sie nicht nur gegenwärtig sondern auf Dauer unverzichtbar. Die fünf weiteren Fraktionen mit ihren insgesamt 131 Abgeordneten (die 37 restlichen Europaparlamentarier sind fraktionslos) haben sich auf je besondere Anliegen spezialisiert. Leider findet der Wähler darunter keine Spezialärztin für neutrale europäische Sprachpolitik, europäische Identität und europäische Eigenständigkeit. Zu diesem Hauptproblem, wie zu allen anderen Fragen, auf welche eine Spezialfraktion sich nicht spezialisierte, kann von ihr keine klare und einheitliche Haltung erwartet werden. Ernsthaft zu bedenken ist im Augenblick, welche der drei unverzichtbaren, klassischen Parteien gewählt zu werden verdient, falls die beiden momentan wichtigsten Wahlkriterien versagen.
Die Liberalen wünschen in erster Linie Freiheit und Selbstverantwortung des Individuums. Im egalitären Lager sucht man vorrangig nach sozialem Ausgleich, nach Verminderung der verschiedenen Unterschiede zwischen den Individuen in der Gesellschaft. Dem Konservativen ist die Wahrung der staatlichen Ordnung zur Gewährleistung von Sicherheit und Stetigkeit der höchste Wert. Jeder normale Bürger wünscht sich selbstverständlich dieses alles. Er muss daher an einer ausgewogenen Vertretung aller drei Grundwerte im Parlament interessiert sein: der Freiheit, der Gleichheit und der Sicherung. Dazu sollte keine der drei Fraktionen dort die beiden anderen überstimmen können, denn jede spielt gewissermaßen die Rolle einer Anwältin für einen der drei Werte, die nicht selten miteinander im Konflikt stehen. Aber kaum jemand wünscht sich für die drei Fraktionen gleiche Stärke: der liberal Gesinnte entscheidet sich "im Zweifel für die Freiheit", der egalitäre für die Gleichstellung, der konservative für Ordnung und Sicherheit. Überdies wird jeder von ihnen zurecht seine Gewichtung verschieben, wenn die Situation sich wandelt; er wird dadurch möglicherweise zum Wechselwähler werden. Eine unterschiedliche Gewichtssetzung darf auch bei Wahlen zum Europaparlament, zum Bundestag, Landtag oder in die Kommunalräte selbst dann erwartet werden, wenn diese mehr oder weniger gleichzeitig stattfinden, sofern sich die jeweils anstehenden Entscheidungssituationen entsprechend unterscheiden.
Bei einer solchen sorgfältigen Abwägung stimmt zunächst das im noch amtierenden Europaparlament eingetretene erhebliche Ungleichgewicht zwischen den drei unverzichtbaren Fraktionen bedenklich: den 214 Abgeordneten des sozialistischen Lagers und den 202 konservativen Abgeordneten stehen augenblicklich nur 42 Liberale gegenüber, darunter kein einziger deutscher Vertreter. Auch wenn im Europaparlament nationale Interessen hinter den Aufbau einer gemeinsamen, selbstbewussten europäischen Föderation zurücktreten müssen, dürfen legitime deutsche Anliegen nicht völlig unbeachtet bleiben (zum Beispiel eine deutliche Nettoentlastung durch Einführung einer nationalen Mitfinanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik). Insofern ist im deutschen Interesse zu wünschen, dass in allen drei klassischen Fraktionen auch an die deutschen Anliegen gedacht wird. Das kann derzeit ein vernünftiges Argument dafür sein, liberal zu wählen (was nicht dümmlich als "Stimmenverleih" bezeichnet werden sollte). Zwei weitere Überlegungen können bei den jetzt bevorstehenden Europawahlen hinzukommen: welcher der Grundwerte bedarf in der Amtsperiode des jetzt zu wählenden Parlaments einer besonders nachdrücklichen Vertretung, und welche politischen Lager haben sich als Anwälte für die gemeinsame europäische Zielsetzung besonders qualifiziert? Aus deutscher Sicht ist nicht zu übersehen, dass die Liberalen unter Verweis auf die europapolitischen Leistungen von Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher, auf denen sie aufbauen können und wollen, ihre Partei zurecht als "Anwalt einer zügigen Integration der Reformstaaten" verstehen, damit die deutsche Ostgrenze so bald wie irgend möglich (nach Wunsch der Liberalen spätestens ab 2003) aufhört, zugleich Ostgrenze der Europäischen Union zu sein. Auch mit ihrer Forderung, den EU-Vertrag zu einer durch ein Referendum zu bestätigenden - europäischen Verfassung mit Festlegung einer europäischen Staatsbürgerschaft und eines Katalogs europäischer Grundrechte (einschließlich unantastbarer Minderheitenrechte) weiterzuentwickeln, liegt die Europapolitik der Liberalen in Deutschland ersichtlich "vorne vor rechts und links". Dies gilt nicht zuletzt auch beim erfolgreich gewordenen Bemühen, Korruption und Mißwirtschaft im Zuständigkeitsbereich der Hohen Kommission in Brüssel aufzudecken, so dass der geschlossene Rücktritt der Kommission einen unbelasteten Neuanfang ermöglichte.
Anderseits kann nicht genügend hervorgehoben werden, dass die Europäische Union hinsichtlich ihrer Freiheitlichkeit schon unvergleichlich viel weiter vorangeschritten ist, als hinsichtlich der Angleichung von Lebensstandard und sprachlicher Gleichberechtigung ihrer Mitgliedsstaaten und vor allem hinsichtlich der Sicherung des europäischen Zusammenschlusses durch eine klare, stabilisierende Ordnungsstruktur der noch schwachen und schlecht koordinierten europäischen Instanzen. Insofern ist es den anstehenden Problemen angemessen, wenn auch die Wahl zum nächsten Parlament nochmals die Gewichte stärker (z.B. mit je etwa 35% der Parlamentssitze) auf Angleichung und Sicherung setzt, als auf Freiheitlichkeit. Aber dieser dritte Wert, dessen Verteidigung der ursprüngliche Beweggrund des europäischen Einigungsprozesses war, darf nicht so schwach wie im noch amtierenden Parlament vertreten sein (im Idealfall nicht schwächer als mit etwa 20% der Sitze). Denn auch die Freiheit bedarf der Weiterentwicklung und, sogar noch innerhalb der heutigen EU, der ständigen Verteidigung gegen die Gefahr, die ihr von bürokratischer Sucht auf zentralistische Regulierung und Gleichschaltung droht, wo doch das Subsidiaritätsprinzip die Eigenverantwortlichkeit der Mitgliedsstaaten, Regionen und Kommunen verlangt - oder sogar jedes einzelnen, mündigen Europabürgers für sich selbst. Außerdem müssen die beiden großen Fraktionen im Bereich der Sprachpolitik die jeweilige Rolle, die ihnen eigentlich zusteht, besser als bisher spielen, damit nicht auch hierfür eine Spezialfraktion nötig wird.
Bessere Arbeit ist von allen Fraktionen insbesondere bei der Lösung der Hauptaufgabe der europäischen Einigung zu fordern, nämlich bei der konstruktiven Bewältigung des Kommunikationsproblems als Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit dieser Föderation, für die Gleichberechtigung ihrer Nationen und für das Entstehung einer europäischen Identität. In der liberalen und in der egalitären Fraktion des noch amtierenden Europaparlaments ist sich dessen erst jeder vierte Abgeordnete bewusst. Das ist zwar mehr, als im Gesamtdurchschnitt aller 626 Abgeordneten, von denen nur ein rundes Fünftel (131) bereits mehr oder weniger zu einer konstruktiven, neutralen Lösung neigt. Aber für Initiativen auch dieser beiden Fraktionen ist es noch viel zu wenig. Noch schlechter sieht es im amtierenden Europaparlament bei den konservativen Abgeordneten aus, von denen erst jeder siebente die sprachpolitische Einsicht erwarb, die bei ihren Parteifreunden im Raum Paderborn schon vor 25 Jahren weit stärker verbreitet war. Alle drei klassischen politischen Lager brauchen noch Denkanstöße aus Paderborn, bevor erwartet werden kann, dass sich das Europaparlament künftig nicht bei Europas Kinderkrankheiten und vereinzelten Symptomen der europäischen Nervenkrankheit aufhält, sondern deren Wurzel erkennt und zu sanieren beginnt.
4.5 Einflößung von Heilmitteln
Bei aller berechtigten Unzufriedenheit mit den bisherigen europäischen Einrichtungen, vorab mit dem Europaparlament, wäre es abwegig, einen sofortigen Absprung von der repräsentativen Demokratie zu fordern, um ohne Übergang mehr Demokratie, nämlich die direkte Demokratie nach schweizerischem Vorbild zu wagen. Dafür wären zwar in Europa schon weitgehend die Medien aber noch nicht die Menschen vorbereitet. Hätte man vor fünfzig Jahren die Völker Europas darüber abstimmen lassen, ob sie eine Verteuerung der Warenproduktion wünschen, um die natürliche Umwelt für künftige Generationen zu schonen, hätte dies die Mehrheit verneint (damals, wohlgemerkt). Wenn heute durch eine europaweite Volksabstimmung die amtlich vorzuschreibende gemeinsame Verständigungssprache bestimmt würde, dann würde die absolute Mehrheit aller Wahlberechtigten für Englisch stimmen genauer: für Angloamerikanisch. Mit jeder anderen Entscheidung würde sich bildlich gesprochen diese Mehrheit ins eigene Fleisch schneiden, denn Angloamerikanisch hat sie ja schon mehr oder weniger zu verstehen und sogar zu stammeln gelernt. Aus (fast) natürlichem Egoismus zieht sie es also vor, ins Fleisch ihrer Kinder zu schneiden. Diese müssen erst noch Lernzeit im Stundenumfang von je ungefähr einem Arbeitsjahr investieren, um in angloamerikanischer Sprache nicht nur bei Bedarf Texte lesen zu können (was auch nach erfolgter europäischer Emanzipation noch sehr lange für die meisten Europabürger nützlich bleiben wird), sondern auch die Fähigkeit zu erwerben, sich in ihr konkurrenzfähig auszudrücken. Vorher bekommen die Kinder kein Wahlrecht, nachher sind auch sie schon korrumpiert (pardon: sozialisiert), und die Demokratie kann den (heute nicht mehr nur heimlich sondern schon unheimlich herrschenden) Sprachimperialismus weiterhin nicht gefährden. Liberales Demokratieverständnis ist demgegenüber nicht durch Majorisierung und Bevormundung gekennzeichnet, sondern durch den Schutz der Minderheiten und durch ihre mündige Mitwirkung. Und gegen den rücksichtslosen Eigennutz der etablierten Erwachsenen auf Kosten ihrer Kinder fordert die F.D.P. in ihren Leitsätzen zur Europawahl 1999 "die stärkere Berücksichtigung der Folgen europäischer Politik auf kommende Generationen durch Einführung einer Generationenbilanz auf europäischer Ebene, die Lasten und Leistungen zwischen Generationen deutlich macht."
Es bedurfte eines jahrzehntelangen gesellschaftlichen Lernprozesses, der sich durch verstärkende Rückkoppelung zwischen weitblickenden Bürgern und erwachten Politikern aufschaukelte, bis der Schutz der natürlichen Umwelt so selbstverständlich wurde, dass die Zahlungsbereitschaft dafür heute auch durch Volksabstimmung bestätigt würde. Auf der Stufe von Sprache und Kultur hat dieser Lernprozess in der Mehrzahl der Mitgliedsstaaten der EU erst begonnen. Trotz aller berechtigten Kritik an den Politikern, deren erdrückende Mehrheit zweifellos noch weit hinter dem Erkenntnisstand aufgeklärter Bürger zurückgeblieben ist, darf es doch als hoch wahrscheinlich gelten, dass der kleine Prozentsatz aufgeklärter Politiker (bisher kaum mehr als 20%) wenigstens schon größer ist als der Prozentsatz der Aufgeklärten in der Gesamtbevölkerung. Das heißt uns hoffen.
Zu hoffen ist, dass im neuen Europaparlament aus den Denkimpulsen aufgeklärter Bürger heilsame Tropfen werden, mit denen allmählich das nervenkranke Europa auf den Weg zur Besserung gebracht wird. Um einschneidende Maßnahmen kann es sich dabei nicht handeln die Mehrheit der Europabürger würde in keine schmerzhafte Operation einwilligen. Aber stetiges, homöopathisches Einflößen heilender Wirkstoffe kann helfen und vielleicht sogar eine spätere Operation überflüssig machen. Ein Beispiel für ein solches heilsames homöopathisches Einflößen wird sein, dass auf der künftigen Euro-Münze dieser Name der Währungseinheit sowohl in lateinischer als auch in griechischer Schrift stehen wird, obgleich das griechische Alphabet nur in einem der ersten 15 Staaten benutzt wird, in welchem der Euro offizielles Zahlungsmittel wurde. Dieses alltägliche Gewöhnen an die Vielfalt gleichberechtigter europäischer Kulturen entspricht einer Maßnahme Lenins zur tatsächlichen Einführung des (auf dem Papier schon vom zaristischen Russland angenommenen) Metrischen Systems: er ließ es auf Zündholzschachteln drucken.
Andere homöopathische Tropfen, die künftig das Europaparlament und die anderen europäischen Instanzen allen Europabürgern einflößen sollten, bestehen in der vorbildhaften Benutzung einer sorgfältig entwickelten Terminologie für den eigenen Tätigkeitsbereich. Man sollte in Straßburg, Brüssel und Luxemburg aufhören, die dort häufig gebrauchten Bezeichnungen und anderen Fachausdrücke - einschließlich der Wochentage und Monatsnamen - mit lächerlicher Beharrlichkeit in 11 oder 12 (und künftig immer mehr) Sprachen zu wiederholen. Man muss aber umgekehrt auch aufhören, sich in unentschuldbarer Unhöflichkeit gegenüber der überwiegenden Mehrheit der Europabürger mit nur dem englischen und französischen Ausdruck zu begnügen. Statt dessen sollte das Bemühen um eine Einheit in der Vielfalt dadurch erkennbar werden, dass (nach einmaliger Erklärung und Festlegung der vorgeschlagene Übersetzungen in die einzelnen Amtssprachen der EU) der jeweilige Fachausdruck nur noch in seiner Übersetzung in eine neutrale Sprache verwendet wird. Als neutrale Sprache sollte man bevorzugt Latein verwenden, solange die politische Diskussion über die bessere Eignung von ILo für die sprachgrenzübergreifende europäische Verständigung noch kaum begonnen hat. Die Beschriftung des Brüsseler Tagungsgebäudes des Europäischen Rats mit CONSILIUM kann zum Vorbildmodell werden, zumal es keine Zusatzkosten verursacht sondern eher zeigt, wie in ebenso ernsthafter wie höflicher Weise Kosten einsparbar sind.
Die Maßnahmen zur allmählichen Besserung des Denk-, Sprach- und schließlich auch Tatverhaltens breiter europäischer Bevölkerungskreise können aber nicht auf Verabreichung homoöpathischer Mittel beschränkt bleiben. Um neben dem Nationalstolz auch einen Unionsstolz entstehen zu lassen, bedarf es der Förderung von interessierenden Aktivitäten, bei welchen die Bürger aus den Mitgliedsstaaten erleben, dass sie untereinander viel enger zusammengehören als mit den Bürgern anderer Staaten, ohne dass gegenüber diesen eine totale Abschottung betrieben werden darf. Die Verstärkung der Fremdsprachenausbildung in allen Schularten, die Anerkennung von im europäischen Sprachausland erbrachten Studienleistungen und die verstärkte Förderung von Sprachwettbewerben von Schülern sowie von Schülerbegegnungen mit Sprachausländern können für diese Zielsetzung besonders wirksam werden. Dazu müssen diese Maßnahmen drei naheliegende Bedingungen erfüllen. Erstens müssen sie die zur Union gehörigen Sprachen und Sprachbereiche erheblich stärker begünstigen als alle anderen. Zweitens dürfen die Maßnahmen nicht die Tendenz zur sprachlichen und kulturellen Horizontverengung auf Englisch und den angelsächsischen Sprachraum begünstigen, vielmehr müssen sie desto intensiver sein, je mehr die begünstigte Sprache typisch für die EU-Staaten ist. Drittens müssen die Fördermaßnahmen auf Latein und ILo als den beiden ernstzunehmenden Kandidaten für die Rolle der identitätsstiftenden, neutralen, gemeinsamen Verständigungssprache Europas ausgedehnt werden.
Zur Förderung dieser Maßnahmen im Bildungsbereich bedarf es einer Änderung der Ausgabenstruktur der EU. Beispielsweise fordern die deutschen Liberalen in ihren Leitsätzen zur Europawahl 1999, den Anteil für Bildung, Forschung, und Entwicklung von Zukunftstechnologien an den Gesamtausgaben der EU von derzeit 3,8% auf 10% zu steigern, ohne dabei das Prinzip der Subsidiarität durch zentrale Reglementierung zu verletzen. Die erforderlichen Mittel können teilweise durch Einsparungen in anderen Bereichen freigesetzt werden, indem dortige Fördermaßnahmen durch die begünstigten Mitgliedsstaaten mitfinanziert werden. Eine nicht unerhebliche Einsparung ist aber auch im Sprachbereich selbst zu erzielen, wie eine Studie nachgewiesen hat, die der deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten mit einem interdisziplinär und international zusammengesetzten Kreis von 13 Kollegen (vor allem aus der AIS) für das italienische Mitglied der Hohen Kommission Emma Bonino fertigte. Aus dem Inhalt ist, wie Selten zusammenfasst, die Bestlösung klar zu erkennen: ein schulischer Unterricht in ILo als Zweitsprache für jeden.
Die sprachpädagogisch und sprachpolitisch zweckmäßigste Form hiervon ist der schon erwähnte ILo-Unterricht, der mit sprachlernerleichternder Absicht in der Grundschule ab dem 3. Schuljahr erteilt werden kann und als "Sprachorientierungsunterricht nach dem Paderborner Modell" in das Fachschrifttum einging. Der Autor erhielt Gelegenheit, die Grundgedanken und Ergebnisse in einem Kapitel der Studie für die Hohe Kommissarin knapp darzustellen. Noch knapper lassen sie sich in einem einzigen Satz zusammenfassen:
Wird dem herkömmlichen Unterricht der ersten Fremdsprache (meist Englisch) ein Sprachorientierungsunterricht (SpOU) in Anlehnung an das Paderborner Modell vorangestellt, dann kann der dafür erforderliche Zeitaufwand am Schluss des herkömmlichen Sprachunterrichts eingespart werden, wobei trotzdem nicht nur dessen Erfolg erhöht, sondern eine Verbesserung auch in mehreren anderen Fächern erreicht wird.
Dies scheint eine harmlose bildungswissenschaftliche Aussage zu sein, keine brisante bildungspolitische Empfehlung. Die Macher könnten das neue Werkzeug bedenkenlos zur rascheren und besseren Erreichung der alten Lehrziele einsetzen, wenn diese angestrebten Ziele nicht selbst bedenklich wären, und das Werkzeug nicht zugleich eine Option böte, mit ihm alternative Ziele anzustreben. Dann muss es totgeschwiegen werden. Das geschieht. Aber bei verschiedenen Totschweigern hat es auch andere Ursachen.
Viele haben von dem verfügbaren Werkzeug noch nichts gehört. Dagegen hilft nur massivste Allopathie. Sie ist nur Großunternehmen, Massenmedien und Politikern verfügbar. Großunternehmen sehen hier keinen Markt, Medien keine Sensation. Das Heilmittel kann also nur von Politikern erbeten werden, und diese hören auf Bitten normalerweise nur vor Wahlen. Günstige Gelegenheiten sind die Europawahl und auch die Kommunalwahlen. Denn nach dem Subsidiaritätsprinzip kann das Europaparlament eine Verbesserung schulischen Fremdsprachunterrichts nur empfehlen, und die Kommunen haben einen nicht zu kleinen Freiheitsspielraum, auch ohne solche Empfehlungen Gutes zu tun.
Manche anderen Totschweiger wollen von dem angebotenen pädagogischen Werkzeug einfach deshalb nichts hören, weil sie als Motiv des Angebots Esperantophilie vermuten. Dagegen sind sie allergisch, leiden also unter einer Geisteskrankheit, die als Esperantophobie zu bezeichnen wäre. Sie ist nur mit homöopathischen Mitteln kurierbar. Beispiele wurden schon genannt.
Schließlich ist aber nicht zu leugnen, dass der Sprachorientierungsunterricht von vornherein mit dem Widerstand jener rechnen muss, die ihre eigenen Ziele insofern gefährdet sehen müssen, als dieses Werkzeug auch eine Option zur Verwirklichung eines alternativen Ziels bringt. Es könnte nämlich einen Weg bahnen helfen, die täglich fortschreitende Kulturzerstörung aufzuhalten und den noch erhaltenswürdigen Restbestand unter das schützende Dach einer neutralen Sprache der innereuropäischen Verständigung zu stellen. Wenn mehr als nur ein Fünftel der Europaparlamentarier dies als machbar erkennt, müssen die Kulturschädlinge damit rechnen, dass plötzlich eine Parlamentsmehrheit sich für eine europäische Sprachpolitik entscheidet, die eine konzertierte Eigensprachpflege der Teilnationen durch eine konstruktive Sprachenüberbrückung in der Europäischen Union ergänzt und verstärkt. Naive Kulturschädlinge fürchten dies wenig. Sie sind nur Mitläufer der modischen Kulturzerstörung, und wenn die Mode umschlägt, werden sie nicht um sich schlagen. Genau das aber tun jene, die aktive Kulturzerstörung zielstrebig betreiben, sei es als Gesinnungstäter, sei es auch nur aus persönlicher Profitgier. Dass schlagkräftige, aktive Kulturzerstörung mit der vorgeblichen oder tatsächlichen Absicht der Wegbereitung für eine höhere Kultur (zum Beispiel der christlichen oder der angloamerikanischen) durchaus menschenmöglich ist (auch - aber nicht nur - in der Region Paderborn), muss im gegenwärtigen Europawahl- und Karl-Leo-Gedächtnisjahr ernsthaft bedacht werden. Ob der zielstrebige Kulturzerstörer ein Gesinnungstäter ist, oder ob er aus Profitgier handelt, mag im Einzelfall durch ein psychologisches Gutachten oder wie im Falle von Karl I. durch geschichtswissenschaftliche Erwägungen geklärt werden, ist aber für das Ergebnis unerheblich. Wichtig ist nur, dass die Zahl seiner Mitläufer und Mittäter zur Minderheit wird.
In der Studie für die Hohe Kommissarin Emma Bonino wurde das besagte Hauptergebnis des Sprachorientierungsunterrichts nicht nur distanziert dargestellt, sondern zur Begründung von drei Anregungen für eine europäische Bildungspolitik benutzt. Die vorgelegten Fakten können jedoch die gegebenen Empfehlungen nur rechtfertigen, wenn Wege sowohl zu einer Wahrung des europäischen Kulturreichtums, als auch zu einer Verständigung aller Europabürger über die zu wahrenden Sprachgrenzen hinweg, tatsächlich gewollt werden. Das erste will nicht, wer unter Angloamerikomanie leidet, das zweite widerspräche beispielsweise der sprachpädagogischen Ideologie Adolf Hitlers. Der normale, vernünftige Europabürger dürfte jedoch gegen die drei unterbreiteten Vorschläge nicht durch tief motivierte Vorurteile immunisiert sein, so dass sie heilsame Wirkung zeigen könnten, wenn die zuständigen europäischen Instanzen sie sich zu eigen machen. Die drei gegebenen Anregungen lauten:
"I. In allen europäischen Grundschulen sollte man im dritten und vierten Schuljahr den Sprachorientierungsunterricht (SpOU) statt des Frühunterrichts in einer ethnischen Fremdsprache einführen oder wenigstens als Alternative zu diesem anbieten. Ist in der Grundschule keinerlei Fremdsprachunterricht vorgesehen, dann sollte der SpOU auf der Sekundarstufe I, vor dem Beginn des normalen Fremdsprachunterrichts, stattfinden und ungefähr 100 Stunden dauern.
"II. Schüler der Sekundarstufe I, die nach einem sechsmonatigen Unterricht einer ethnischen Fremdsprache keine befriedigenden Fortschritte erzielten, sollten von diesem Unterricht befreit werden und zu einem Ergänzungsunterricht über das zuvor im SpOU nur propädeutisch vermittelte ILo übergehen, damit eine ausreichende Kommunikationsfähigkeit in dieser Sprache erreicht wird.
"III. Allen anderen Schülern sollte man die Möglichkeit geben, auf der Sekundarstufe I, neben dem Lernen von wenigstens zwei europäischen, ethnischen Fremdsprachen (einem Lernen, das aufgrund des vorangegangenen SpOU beschleunigt erfolgt), freiwillig an einem Fortgeschrittenenkurs über ILo teilzunehmen, um rasch eine volle Kommunikationsfähigkiet in dieser Sprache zu erwerben, also eine Perfektionierung auch ihres aktiven Gebrauchs, was bei ethnischen Fremdsprachen durch Schulunterricht nur in Ausnahmefällen erreicht werden kann."
Da ohne Zusatzkosten durch den vorangestellten SpOU im traditionellen Fremdsprachunterricht (in Englisch wie auch in Latein) mehr als bisher erreicht wird, erfordert seine Einführung als Grundschulfach noch keine politische Entscheidung darüber, ob das europäische Kommunikationsproblem auf neutralem Weg durch eine gemeinsame europäische Zweitsprache gelöst werden soll, und wenn ja, ob dieses Europäisch ILo oder Latein sein soll. Mit einer Empfehlung des SpOU würde sich also das Europaparlament sprachpolitisch noch nicht festlegen, wohl aber bei den Europabürgern Aufgeschlossenheit für eine konstruktive Lösung erzeugen und damit diese Option erhalten. Nicht zuletzt bräuchten sich die Politiker nicht vorhalten zu lassen, mit der Empfehlung eines Frühenglischunterrichts im 3. und 4. Schuljahr aus sprachideologischer Verbohrtheit auf das erwiesenermaßen langsamere Pferd zu setzen.
4.6 Einschneidende Maßnahmen - Chirurgische Eingriffe
Nur wer radikal denkt, denkt klar Kompromisse mit der Realität sind erst beim Handeln erforderlich. Europa braucht Mut zu Veränderungen. Es darf sich nicht in lähmender Loyalität mit seiner jetzigen Lage abfinden, sondern muss sich fragen, wie es sein Wesen idealtypisch sehen will. Das dorthin beflügelnde Denken darf nicht vorschnell oder von vornherein auf die Ebene der Realität erniedrigt werden, von der wir uns im Handeln vernünftigerweise nur stufenweise aufwärts bemühen sollen. An das Europaparlament müssen radikal denkbare, hohe Ideale herangetragen und dort im Wortstreit zwischen den Abgeordneten verschiedener Überzeugung und Zunge ausgetragen werden. Dies birgt die Chance zu vernünftigen Synthesen statt stets nur zur Streitverkürzung durch faule Kompromisse. In jedem Falle bedarf es einer Verständigung auf heilsame Wege, um möglichst viel von den erkannten und anerkannten Idealen planmäßig zu verwirklichen.
Planung und Planverwirklichung müssen die Europaparlamentarier und die Beamten der anderen europäischen Instanzen zunächst im eigenen Hause anstreben. Die Europäische Verfassung muss entscheidungsreif vorbereitet werden. Es darf nicht nur die bundesstaatliche Struktur der EU und das Subsidiaritätsprinzip festschreiben, sondern auch gleichrangige Kommunikationsrechte der Europabürger garantieren und damit den Rahmen für eine neutrale Sprachenregelung definieren. Diese muss das Parlament beispielgebend vorleben, indem es eine neutrale Sprache, Europäisch, zunächst zusätzlich zu seinen Arbeitssprachen einführt und die künftigen Abgeordneten aus den Erwartungsländern zwar noch in ihrer je eigenen Sprachen reden lässt, aber nicht auch in ihre Sprachen übersetzt. Nach einer Übergangszeit sollten zur Gewährleistung voller Gleichberechtigung (nicht nur beim Reden sondern auch beim Hören) auch alle bisherigen Parlamentssprachen nur noch Ausgangssprache, nicht mehr auch Zielsprache der Übersetzung sein. Wer die Rede dann nicht in der Vortragssprache versteht, muss sich die Übersetzung in Europäisch anhören. Schon im übernächsten Europaparlament wären dann mehr Nationalsprachen als jetzt und darüber hinaus auch Europäisch zu hören, aber es müsste nur noch in dieses gemeinsame Europäisch übersetzt werden. Das würde nicht nur die Übersetzungskosten auf einen Bruchteil reduzieren, sondern wäre beispielgebend für alle übrigen europäischen Instanzen, wie auch für viele transnationale europäische Firmen und Vereinigungen. Reden könnte dabei wie bisher jeder in seiner Sprache, und das bloße Hörverständnis in Europäisch wäre von jedem Abgeordneten in wenigen Dutzend Lernstunden erwerbbar, sofern ILo zum gemeinsamen Hocheuropäisch erhoben wird. Glaubhaft würde das Europaparlament durch diese Praxis zeigen, dass es ihm ernst ist mit dem Streben nach einer europäischen Einheit unter Wahrung des Reichtums an Sprachen und Kulturen.
Unter strenger Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips muss auch bei der Zuständigkeitsplanung der künftigen Unionsministerien Mut zu neuen Wegen bewiesen werden. Es darf nicht bei den naheliegenden Ressorts Recht, Finanzen, Wirtschaft (Industrie und Handel), Verkehr (Verkehrswege, Transport und Tourismus) und Leben (Gesundheit, Ernährung, Naturumwelt) bleiben. Dem künftigen Europakoordinator (einem europäischen Präsidenten wird man die Staatsoberhäupter der zur EU gehörigen sieben Monarchien wohl kaum unterstellen wollen!), der den Bundesstaat auch gegenüber anderen Erdregionen und Einzelstaaten vertreten kann, müssen zur Pflege europäischer Identität vor allem ein Sprachministerium, ein Kulturministerium und ein Kommunikationsministerium zur Seite stehen. Partnerinstitutionen müssen alle diese Unionsministerien selbstverständlich in allen Mitgliedsstaaten haben.
Das wirft natürlich mindestens beim europäischen Sprachministerium die Frage auf, wer mit welchem Zuständigkeitsbereich zum Beispiel deutsches Partnerministerium werden könnte. Die Kulturhoheit liegt in der Bundesrepublik Deutschland bei den Ländern, aber Sprachhoheit können diese nicht beanspruchen allenfalls für die Dialekte, die aber keiner Normierung bedürfen. Oder genügt ein gemeinsames Sprachministerium für Deutschland - und Österreich? Könnte es auch der deutschen Sprachgemeinschaft Belgiens dienen? Die Abweichungen der innereuropäischen Staatsgrenzen von den Sprachgrenzen werfen Probleme auf. Sie sind aber ohne völlige Missachtung geschichtlicher Entwicklungen demokratisch lösbar. Niemand wird ernsthaft daran denken, den hierbei mustergültigen belgischen Staat auf Deutschland, Frankreich und die Niederlande zu verteilen. Auch eine innereuropäische Regionalreform wird Bewährtes bewahren, bevor sie kreativ Neues wagt. Jedoch müssen in einem "grenzenlos schönen Europa" Staatsgrenzen gegenüber Sprachgrenzen an Bedeutung verlieren.
Die Schnittlinien solcher gleichsam chirurgischer Eingriffe in den mancherorts misswüchsigen Unionskörper muss zwar dereinst das Europaparlament ziehen, aber nicht nach eigener Machtvollkommenheit sondern gemäß dem erklärten Willen der Bewohner in den betroffenen Sprachregionen. "Was zu mehr als 20% von Serben bewohnt ist, ist serbisch" ist dabei als chauvinistische Anmaßung zurückzuweisen. Aber kein Liberaler wird dem Grundsatz widersprechen wollen: "Wo eine Sprache von mehr als 25% der Bewohner gesprochen wird, gebührt ihr Gleichrangigkeit." Denn drei Sprachen das beweisen die Luxemburger kann jeder Bürger von Kindesbeinen an sprechen. Wenn die Bewohner aber die Aufteilung ihrer Region nach belgischem oder sogar tschechoslowakischem Muster vorziehen und bereit sind, dazu entweder umzusiedeln oder als Minderheiten auf sprachliche Gleichberechtigung zu verzichten, dann darf kein Europaparlament dagegen den Geist von Helsinki zur Hilfe rufen. Der liberale, wirklich gute Geist Europas rät zwecks Wahrung unseres Kultur- und Sprachreichtums im übrigen zur Einrichtung von Kulturschutzgebieten, in denen mit solidarischer Hilfe ihrer Nachbarn Sprache und Kultur von Völkern gepflegt werden, die sich zu klein fühlen, um einen existenzfähigen eigenen Nationalstaat zu wünschen. Die Sorben in der Region von Lausitz können als Muster gelten.
Man darf weder dem zum Jahrtausendende zu wählenden noch einem späteren Europaparlament zumuten, neue Mitgliedsstaaten aufzunehmen, bei denen chirurgische Eingriffe noch zu leisten sind. Das gilt für die Türkei (und vielleicht in fernerer Zukunft für Israel) und vor allem für die Länder Restjugoslawiens. Die Kosovaren haben im Untergrund bereits ihre Unabhängigkeit erklärt. Ob sie sich später mit Albanien vereinen wollen, müssen sie selbst entscheiden. Wenn die serbische Minderheit im Kosovo sich damit nicht abfinden und sich nicht integrieren will, und wenn auch die differenzierende Lösung nach belgischem Modell nicht beiderseits gewünscht wird, bleibt nur die Umsiedlung der Serben nach Serbien. Das darf nicht mit derselben Grausamkeit erfolgen, wie die Vertreibung von 15 Millionen Deutscher aus ihrer Heimat im Osten, und es muss wie damals bei diesen geschehen durch einen Lastenausgleich mit jenen gemildert werden, die in ihrem empfindlich verkleinerten Heimatland bleiben durften. Die Serben haben, wie ein halbes Jahrhundert zuvor die Deutschen, einen Politiker zu ihrem Führer gewählt, der Verbrecher war oder wurde. Kein Liberaler kann eine Kollektivschuld aller Einzelbürger anerkennen. Aber zur Demokratie gehört, dass auch die Minderheit für die Folgen der Mehrheitsentscheidung zahlungspflichtig ist. Schuldenfrei und anspruchslos kann erst die nächste Generation sein Sippenhaft wäre unmenschlich, und ein noch nicht angetretenes Erbe kann man nicht verlieren. Wie Deutschland muss auch ein künftiges Serbien sich der Europäischen Union anschließen dürfen. Für Albaner und Kosovaren gilt dies ohnehin.
So vernünftig es ist, die europäischen Binnengrenzen durch behutsame Einschnitte zu berichtigen, so unvernünftig wäre es, nach Änderungen der Außengrenze Europas anders als durch Aufnahme beitrittswilliger Nachbarn zu streben. Die Föderation könnte schließlich vom Nordmeer bis zur Grenze der arabischen Welt reichen (und das könnte eines Tages heißen: von Island bis Israel), und vom Atlantik bis zur Grenze Russlands und seiner Partner in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Einen "Anschluss" Russlands an die Europäische Union kann weder Russland selbst wünschen, noch läge er wegen der überwältigenden Größe dieses Landes im Interesse der EU. Sehr wohl aber sind eine friedliche Koexistenz und eine freundschaftliche Kooperation wünschenswert. Dabei müssen Geben und Nehmen sich die Waage halten. Das vorsowjetische Russland brauchte Geld und verkaufte Alaska an die Vereinigten Staaten von Amerika. Warum könnte nicht auch das nachsowjetische Russland soviel Geld brauchen, dass es Nordostpreußen an die europäische Staatenvereinigung verkauft? Zumindest träumen darf man von einem dereinst dort enstehenden, wirklich multikulturellen Brückenstaat mit vielerlei einwandernden Wahleuropäern, von einem neuartiger Staat, zu dessen somit europäischen, weil in der EU offiziellen, Sprachen auch (warum nicht?) Russisch gehören würde, und in dessen Hauptstadt, Königsberg, einstmals der deutsche Philosoph Immanuel Kant über den ewigen Frieden schrieb und dort zeitlebens blieb.
4.7 Täuschung oder dauerhafter Heilerfolg?
Wir sehnen uns nach einem unabhängigen und stabilen, freiheitlich-friedlichen, europäischen Bundesstaat, in welchem alle Nationen - zwischen dem Atlantik und der GUS-Grenze, zwischen dem Eismeer und der Grenze der arabischen Welt - unter möglichst weitgehender regionaler Selbstbestimmung solidarisch zusammenleben, ihr jeweiliges sprachliches und kulturelles Erbe weiterpflegen, sich in einer gemeinsamen, neutralen Sprache gleichrangig verständigen und sich als zusammengehörige, weltoffene Europäer fühlen.
In der Internationalen Akademie der Wissenschaften, im Europaklub, im Arbeitskreis für liberale europäische Sprachpolitik wie auch in den Gesellschaften der internationalen Esperanto-Bewegung und der Lateinsprecher streben viele Wissenschaftler, Techniker, Künstler und andere kultivierte Zeitgenossen am Ende unseres Jahrtausends nach einem europäischen Europa, das nicht bloßer Wurmfortsatz Nordasiens oder Nordamerikas ist, und nach einer internationalen wissenschaftlichen Kommunikation, bei welcher die je eigene Nationalsprache als Wissenschaftssprache weitergepflegt wird, die Überbrückung der Sprachgrenzen aber nicht durch eine fremde Nationalsprache, sondern durch eine internationale, also neutrale Sprache erfolgt.
Defätisten erklären dies zum unerfüllbaren Wunschtraum. Sie haben das kranke Europa schon aufgegeben. Sie erklären alle Heilungsanstrengungen für aussichtslos, für eine bloße Verzögerung dessen, was doch kommt. Der Zug sei abgefahren, erklären sie, und sind schon aufgesprungen.
Ja, es ist möglich, aber keineswegs sicher, dass die Liquidation Europas als "Endlösung" durch nichts zu verhindern ist. Aber auch der Arzt kann mit all seinen Heilmethoden und Heilmitteln nicht verhindern, dass eines Tages doch der Tod kommt nur etwas später. Auch das Ende unserer bewohnten Erde steht astronomisch fest, aber trotzdem streben wir an, mutwillige Naturzerstörung zu meiden.
Selbst wenn eine liberale europäische Sprachpolitik nur bewirken würde, dass Europa erst im Jahre 2100 und nicht schon 2050 ins Kulturgrab geworfen wird, müsste diese Politik um unserer Kinder, Enkel und Urenkel willen betrieben werden. Selbst wenn er gewusst hätte, dass morgen die Welt unterginge, wäre Martin Luther sogar bereit gewesen, heute noch ein Bäumlein zu pflanzen.

Bild 5: Sitzverteilung nach Fraktionen im Europaparlament 1994 bis 1999 (Stand 1999-01-20, nach verschiedenen Faktionswechseln). Die egalitäre Fraktion stellt die Partei der europäischen Sozialisten, die konservative Fraktion wird von der Europäischen Volkspartei mit den Christdemokraten gestellt. Die liberale Fraktion folgt wie früher auf dem dritten Platz vor den Fraktionslosen und fünf "Spezialfraktionen", aber gegenüber früher sehr geschwächt, u.a. weil in Deutschland bei der Wahl zum 4.Europaparlement die Liberalen an der 5-Prozent-Hürde scheiterten. Die auf einzelne Länder oder politische Schwerpunktthemen spezialisierten, kleinen Fraktionen sind die Union für Europa (U), die Nordeuropäische vereinigte Linke (N), die Grünen (V), die Radikale europäische Allianz (A) und die Unabhängigen für ein Europa der Vaterländer (S).

Bild 6: Prozentualer Anteil sprachpolitisch engagierter Europaparlamentarier nach Fraktionen (Stand 199-01-20). In keiner Fraktion ergibt sich bisher eine Mehrheit für eine neutrale europäische Sprachpolitik durch Einführung einer gemeinsamen Zweitsprache, auch nicht bei den "Spezialfraktionen" Unter ihnen erreicht der Prozentsatz der diesbezüglich Engagierten von mehr als einem Drittel der Union für Europa bis hinab zu nur einem Fünfzehntel bei den Unabhängigen für ein Europa der Vaterländer.

Bild 7: Einordnung der im Deutschen Bundestag vertretenen politischen Parteien in das Wertedreieck. Die politikübliche Simplifizierung auf eine Skala von der (von der Dreieckspitze her gesehen:) "extremen Linken" (0% "rechts") bis zur "extremen Rechten" (100% "rechts") entsteht durch eine Projektion der Standorte auf die Basisseite Als. extrem "rechts" gilt dabei eine fast ausschließliche Wertschätzung der Sicherung, als extrem "links" eine fast ausschließliche Wertschätzung der Gleichheit. Nach einer Meinungsbefragung von Infratest dimap Anfang April 1999 sind auf dieser Skala die PDS zu nur 27% als "rechts" anzusehen, die Grünen zu 33%, die SPD zu 46%, die F.D.P. zu 54% und die CDU/CSU zu 63%. Diese verkürzte Sicht der politischen Standorte ignoriert den (bei den Liberalen besonders hohen) Grad der Bevorzugung des Grundwerts "Freiheit" gegenüber den beiden anderen Werten. Ein einfacher Test zur Bestimmung des eigenen Standorts im Wertedreieck ist abgedruckt in Barandovská (Hsg.): Kybernetische Pädagogik / Klerigkibernetiko Band 7, 1993, S. 1051-1053.
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